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Der Gärtner kann auch das Opfer sein

Der erste Satz
Wenn man schreiben will, muss man auf irgendeine Art in Klausur sein, um Zeit zum Schreiben zu haben.

Krimi der Woche ∙ N° 12/2024 ∙ Hanspeter Eggenberger

Mit dem Lied „Der Mörder ist immer der Gärtner“ machte sich Reinhard Mey vor über fünfzig Jahren über Stereotypen der Kriminalliteratur aus der Zeit von Agatha Christie, Georges Simenon und Edgar Wallace lustig. Der Mord im Landhaus, bei dem schon mal der Gärtner seine Finger im Spiel hat, lebt heute weiter im boomenden Subgenre, dessen paradoxe Bezeichnung „Cosy Crime“ schon darauf hinweist, wie wirklichkeitsfremd die entsprechenden Geschichten sind.

Von Gärtnern und Morden erzählt zwar auch der Franzose Vincent Maillard, und sogar ein Hund spielt eine nicht unwichtige Rolle dabei, doch mit cosy hat sein Kriminalroman „Lebowskis Knochen“ nichts zu tun. Es ist eine scharfsichtige, gleichzeitig ätzende und zuweilen fast satirische Darstellung der französischen Klassengesellschaft, die jedoch nicht theoretisch daherkommt, sondern in einen schlau konstruierten und originellen Plot gepackt ist, der spannend und unterhaltsam ist.

Jim Carlos ist zwar studierter Bauingenieur, aber er arbeitet als Gärtner. Auf dem Anwesen der Loubets – er eine Fernsehgrösse, dessen Haarschnitt „irgendwo zwischen Linienflugpilot und Literaturpapst“ changiert, sie aus altem Adel stammende Wirtschaftsprofessorin – soll er einen Gemüsegarten anlegen. „Die »Ökowelle« hatte Prés Poleux voll erwischt. Schluss mit dem »hochherrschaftlichen Garten alter Façon«, Schluss mit dem militärisch kurz getrimmten Rasen, den in Form geschnittenen Hecken“, heisst es dazu in Jims Aufzeichnungen in einem blauen Schreibheft. „Das alles, so verstand ich, wirkte heutzutage altmodisch, da musste etwas ungezähmte Natur hineingebracht werden, aber bitte kontrolliert. Das erinnerte mich an teure Designerklamotten mit Pseudo-Grunge-Touch, oder an die Bürgersöhnchen am Lycée Sainte-Marie-des-Vertus, die es irgendwann schick fanden, den wesh-wesh-Akzent der Jungs aus den Vorstädten zu imitieren. Man tat ein bisschen so als ob, aber eben nur ein bisschen, das war der kleine, aber feine Unterschied. Darin war die Bougeoisie schon immer gross gewesen: Man imitierte die Lebenskraft der anderen, um sie besser unterdrücken zu können.“

Obwohl die Loubet-Tochter angeblich eine Hundephobie hat, bringt Jim seinen Hund zur Arbeit mit, er muss aber angebunden bleiben. Den Hund nannte er ursprünglich Dumby. „Aber dann hat er sich nach und nach in ein dickes, träges, blondes Etwas verwandelt, lag ständig schlapp in der Gegend herum, so wie Jeff Bridges in dem Film der Coen-Brüder, also fand ich es witzig, ihm den Spitznamen Lebowski zu verpassen, und irgendwann habe ich ihn nur noch so genannt.“ Der gelangweilte Lebowski buddelt im Garten einen Knochen aus. Ein Pathologe, den Jim kennt, identifiziert Lebowskis Fund als menschlichen Oberschenkelknochen. Jim fragt sich, was wohl aus der zweiten Loubet-Tochter geworden ist, die nicht zugegen ist und von der die Familie auch nie spricht. Und später fragt er sich auch, wo sein alter Freund, der früher für die Loubets gegärtnert hat, aber seit Monaten verschwunden ist, stecken mag.

Das blaue Schreibheft von Jim Carlos liegt vor Untersuchungsrichterin Carole Tomasi. Jim ist verschwunden, sie versucht den Fall zu klären. Bei Durchsuchungen bei den Loubets wird in einem versteckten Kellerverlies ein zweites Heft mit Aufzeichnungen und Gedanken des Gärtners gefunden, die die Loubets stark belasten. Im Keller werden DNA-Spuren von Jim und auch vom früheren Gärtner gefunden. Leichen oder weitere Knochen werden aber nicht gefunden. Es kommt zu einem Indizienprozess gegen die Loubets, bevor die Geschichte noch eine überraschende Wende bekommt.

„Lebowskis Knochen“ sorgt nicht nur mit seinem aussergewöhnlichen Plot und der raffinierten Struktur – einerseits die Aufzeichnungen von Jim Carlos, anderseits die Sicht der Untersuchungsrichterin, und am Ende noch ein drittes, kurzes Heft des Gärtners – für intelligenten Lesespass. Maillard hat in die Niederschriften Jims jede Menge witzige Beobachtungen und Reflexionen über die französische Kultur und Gesellschaft, über die Dekadenz der Reichen und ihren Umgang mit ihresgleichen und mit den unteren Klassen gepackt. Hinter der „scheinbar perfekten Selbstinszenierung“ der Loubets sieht Jim den Wahnsinn lauern: „Da konnte die von wildem Wein wie von einem blutroten Seidenschal eingerahmte Fassade noch so makellos sein, die kiesbedeckten Alleen noch so penibel geharkt – ein Anblick, der bei mir im Übrigen die Assoziation an einen monomanischen Psychopathen weckte, der seine Haare immer wieder zwanghaft nach vorne kämmt.“

Wertung: 4,2 / 5

Vincent Maillard: Lebowskis Knochen
(Original: L’os de Lebowski. Editions Philippe Rey, Paris 2021)
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, Hamburg 2024. 221 Seiten 18 Euro/ca. 26 Franken

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Bild: DR

Vincent Maillard,

geboren 1962 in Meulan-en-Yvelines in der Nähe von Paris, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Nach dem Militärdienst machte er am Centre de formation des journalistes ein Diplom in Journalismus mit der Spezialisierung auf Reportagen und Bildjournalismus. Er begann dann beim öffentlich-rechtlichen Sender FR3 in der Bretagne, danach realisierte er bei France 2 während zehn Jahren als Journalist und teils auch als Kameramann Beiträge und Reportagen für Nachrichtensendungen und verschiedene Magazinsendungen.

Er schrieb Drehbücher für Spielfilme und zahlreiche Dokumentarfilme für das Fernsehen aus verschiedenen Bereichen, insbesondere Wissenschaften, Gesellschaft, Politik und Umwelt. 1999 drehte er seinen ersten eigenen Film „Ceux qui possèdent si peu …“, einen Dokumentarfilm über Schüler mit schulischen Schwierigkeiten. Seither hat er rund ein Dutzend weitere Dokumentarfilme zu verschiedenen Themen realisiert. Sein Drehbuch zum Spielfilm „Valparaiso“ (2011, Regie Jean Christophe Delpias) wurde am Festival de la fiction TV in La Rochelle mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

2019 veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Springsteen-sur-Seine“, 2021 folgten „Méthanic“ und „L’os de Lebowski“ (jetzt auf Deutsch: „Lebowskis Knochen“).

Vincent Maillard lebt in der Nähe von Paris in Hadricourt im Département Yvelines.


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