Mord mit einem Ziegelstein

Der erste Satz
Von den Mülltonnen her stank es nach Essensresten und abgestandenem Bier.

Krimi der Woche ∙ N° 31/2022 ∙ Hanspeter Eggenberger

Nicht nur der recht komplexe Plot um Rassismus, Freundschaft und Familie, den der US-Autor John Vercher für seinen Erstling „Wintersturm“ entwickelt hat, ist eindrücklich, sondern vor allem auch, wie er diesen dann auf die Reihe bringt: knallhart, kompakt, kompromisslos, klug, kundig. Wie seine Hauptfigur Bobby hat der Autor eine weisse Mutter und einen schwarzen Vater. Er weiß also, wovon er erzählt, wenn er gemischtrassige Menschen als „Aussenseiter unter Aussenseitern“ beschreibt: „Sie waren von ihren eigenen Leuten ausgegrenzt worden, weil sie zu weiss waren, und für ihre weißen Freunde waren sie Alibis, auf die sie schnell verweisen konnten, wenn jemand sie als rassistisch bezeichnete.“

Bobby, so hellhäutig, dass er als Weißer durchgeht, hadert damit, einen afroamerikanischen Vater zu haben. Er wusste das selbst lange nicht, als er bei seinem rassistischen weißen Grossvater aufwuchs, dessen Weltbild er übernahm. Erst als er in den frühen Teenagerjahren mal das N-Wort benutzte, sagte ihm die Mutter, dass sein Vater ein Schwarzer war. Das war auch dem Opa neu, der Mutter und Sohn gleich rausschmiss. Das erfährt man in einer Rückblende. Am Anfang der Geschichte kommt Bobby in der Nacht aus dem Restaurant, in dem er arbeitet. Da wird er von seinem alten Freund Aaron überrascht, der nach drei Jahren aus dem Knast entlassen worden ist. In die Freude mischt sich schnell ein ungutes Gefühl. Denn aus dem schmächtigen Jungen, der ins Gefängnis einfuhr, ist ein muskelbepackter Mann mit Nazi-Tattoos geworden. In der Kneipe, in der sie ihr Wiedersehen feiern wollen, provoziert Aaron mit seinen Tätowierungen einen jungen Schwarzen. Dieser folgt den beiden auf die Strasse. Wo Aaron ihn mit einem Ziegelstein erschlägt.

Bobby hat Aaron nie gesagt, dass sein Vater schwarz ist. Er mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn Aaron das erfährt. Dazu kommen Probleme mit seiner Mutter, die Alkoholikerin ist und zu der er schaut. Sie begegnet in einer Kneipe zufällig Bobbys Vater. Obwohl sie ihrem Sohn vorgemacht hat, der Vater sei gestorben, will sie nun, dass sich Vater und Sohn kennenlernen. Ein Happyend darf man aber nicht erwarten, denn dies ist ein Noir-Roman, der, wie erwähnt, knallhart und kompromisslos ist.

Wertung: 4,2 / 5

John Vercher: Wintersturm
(Original: «Three-Fifths». Agora Books, New York 2019)
Aus dem Englischen von Sven Koch
Polar Verlag, Stuttgart 2022. 246 Seiten, 22 Euro/ca. 38 Franken

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Bild: Karen Maria

John Vercher,

geboren 1975, hat eine weisse Mutter und einen afroamerikanischen Vater. Er studierte Englisch an der University of Pittsburgh. An der Southern New Hampshire University in Manchester NH schloss er mit einem Master in Creative Writing ab. Seine Eltern sind im Gesundheitswesen tätig, und er selbst wurde zunächst Physiotherapeut.

In verschiedenen Publikationen veröffentlichte er Kurzgeschichten, zudem schrieb er Essays für verschiedene Medien, unter anderem über Rasse, Identität und Elternschaft. Sein erster Roman „Three-Fifths“, der jetzt unter dem Titel «Wintersturm» auf Deutsch vorliegt, erschien 2019. Im Juni dieses Jahres folgte der zweite Roman «After the Lights Go Out».

Vercher war Lehrbeauftragter am Chestnut Hill College in Philadelphia. Derzeit ist er im Rahmen des MFA-Programms Gastdozent für kreatives Schreiben am Randolph College in Lynchburg, Virginia. In seiner Freizeit betreibt er Kampfsport (Mixed Martial Arts, MMA). Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen als Schriftsteller in der Gegend von Philadelphia.


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