Mistkerle am Abgrund
Der erste Satz
Etwas Feucht-Klebriges überzieht meine rechte Hand.
Krimi der Woche ∙ N° 08/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Dave Zeltserman gehört schon seit einigen Jahren zu den herausragenden Noir-Thriller-Autoren aus den USA. Das ist auch auf Deutsch nachzuprüfen. Zwischen 2013 und 2017 veröffentlichte der kleine Berliner Verlag Pulp Master seine „Man out of prison“-Trilogie, die aus den voneinander unabhängigen Titeln „Paria“, „Small Crimes“ und „Killer“ besteht. Drei absolut brillante Noir-Romane. Nun gibt es endlich neuen Stoff von Zeltserman, mit dem er seinen Ruf bestätigt und weiter festigt: „Alles endet hier“ ist von Pulp Master schon seit mehreren Jahren angekündigt worden, jetzt liegt der Titel endlich vor.
Es handelt sich um die Erstveröffentlichung dieses Romans, den Zeltserman schon 2018 vollendet hat – im Original hat sich dafür bisher kein Verlag gefunden. Der Grund dafür seien die Veränderungen bei den Verlagen, die seine Noir-Titel herausgebracht hatten (Zeltserman bedient auch andere Subgenres, insbesondere mit einer Reihe um den Bostoner Privatdetektiv Julius Katz, und – unter dem Pseudonym Jacob Stone – einer Serie um einen Profikiller): „Da Serpent’s Tail von Profile Books aufgekauft wurde und sich nun nicht mehr mit amerikanischer Kriminalliteratur befasst und Overlook von Abrams Books aufgekauft wurde und sich nun nicht mehr mit Belletristik befasst, gab es keinen englischsprachigen Verlag mehr, der diesen Roman hätte veröffentlichen können“, erklärte mir Dave Zeltserman. Er hofft nun, dass er mit positiven Kritiken zur deutschen Ausgabe in seiner Heimat doch noch etwas bewegen kann. Denn er hält „Alles endet hier“ für nicht weniger als seinen „besten Noir-Roman“. Das sieht auch sein deutscher Verleger Frank Nowatzki so. Freude macht Zeltserman übrigens auch der deutsche Titel. Im Original nannte er sein Manuskript „Murder Club“, aber er will es nun für ein allfällige Veröffentlichung in den USA nach dem deutschen Titel umbenennen in „Everything Ends Here“.
Der Roman beginnt eher gemächlich, doch Tempo, Dramatik und Gewalt nehmen stetig zu und treiben den Protagonisten unaufhaltbar dem Abgrund entgegen. Icherzähler Dan Selby, ein Softwareentwickler in Boston, was der Autor selbst auch einmal war, und seine Frau Rachel liegen in einem erbitterten Streit mit Warren Costas, der einmal Dans bester Freund war. Zusammen haben sie ein vielversprechendes Software-Startup gegründet, aus dem Warren jetzt ausgestiegen ist. Und alle Anstrengungen unternimmt, es zu zerstören. Um potenzielle Kunden abzuschrecken, sabotiert er die Webseite der Firma – statt Informationen zu Dans Software zeigt sie nun den Stinkefinger.
Der Grund für den Streit scheint relativ banal: Warren sei sauer, weil auf dem Umschlag eines im Wesentlichen von Dan geschriebenen Buchs über das Softwareprojekt Dans Namen vor Warrens genannt wird. Warren überzieht Dan mit Klagen. Und er hat damit gute Karten, weil zwischen den beiden Kontrahenten bei der Gründung der gemeinsamen Firma keine Verträge gemacht wurden. Dan und Rachel geht langsam, aber sicher das Geld aus. Einen teuren Rechtsstreit können sie sich nicht leisten. Sie sehen sich in ihrer Existenz ernsthaft bedroht.
Dan sieht schließlich keine andere Möglichkeit mehr, als Warren endgültig aus dem Verkehr zu ziehen. Und er kommt auf seinen russischen Freund zurück, der ihm unlängst bei einem gemeinsamen Besäufnis zugeraunt hat, es gebe da einen Russen, der sich um solche Sachen kümmere. Der fliege Killer aus Russland ein, die dann, wenn ihre Tat entdeckt wird, das Land schon wieder verlassen hätten. Ohne Rachels Wissen kommt Dan mit dem Russen ins Geschäft. Und Warren wird wenige Wochen später bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht tödlich verletzt.
Dan und Rachel können sich mit Warrens Witwe rasch einigen. Das Geschäft mit Dans Software kommt dann zügig voran und beginnt zu florieren. Doch dann meldet sich der Russe wieder. Er hat Dan in der Hand und verlangt für sein Stillschweigen von ihm, in seinem „Mörderclub“ mitzumachen. Dan lehnt ab. Der Russe lässt sich das nicht gefallen. Das wird gefährlich für Dan.
„Alles endet hier“ ist ein raffiniert geplotteter Kriminalroman, der immer düsterer und beklemmender wird. Dan ist einer Abwärtsspirale gefangen. Je tiefer diese ihn in den Abgrund zieht, um so mehr beginnt er sich Gedanken über sein eigenes Verhalten zu machen. Weshalb verschwinden alle seine Freunde aus seinem Leben? Die Ursache des Zerwürfnisses mit Warren scheint tiefer zu gehen, als Dan uns weismachen will. Er benutzt Menschen und wendet sich von ihnen ab, wenn er sie nicht mehr braucht. Spät, letztlich zu spät, muss er sich eingestehen, dass er genauso ein Mistkerl wie Warren ist, „nur habe ich es besser verbergen können als er, und zwar nicht nur vor anderen Menschen, sondern auch vor mir selbst“.
Wertung: 4,7 / 5
Dave Zeltserman: Alles endet hier
(Original: Murder Club. 2017; bisher nicht erschienen)
Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller
Pulp Master, Berlin 2026. 283 Seiten, 16 Euro/ca. 24 Franken
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Bild: Goodreads
Dave Zeltserman,
geboren 1959 in Boston, studierte an der University of Colorado in Boulder Informatik und arbeitete dann als Softwareentwickler in seiner Heimatstadt Boston. Erst spät begann er seine Schriftstellerkarriere. Sein erster Roman „Fast Lane“ erschien im Jahr zwei 2000. Inzwischen hat er sich mit mehr als zwei Dutzend Romanen einen Namen gemacht, darunter auch Horrorgeschichte, eine Reihe um den Bostoner Privatdetektiv Julius Katz, dessen Premiere 2010 mit dem Shamus Award ausgezeichnet wurde, und unter dem Pseudonym Jacob Stone eine Serie um einen Profikiller.
Herausragend sind insbesondere seine Noir-Romane, von denen die brillante sogenannte „Man out of prison“-Trilogie bei Pulp Master erschienen ist: „Small Crimes“ (2008; dt. 2017), „Paria“ („Pariah“, 2009; dt. 2013) und „Killer“ (2010, dt. 2014). „Small Crimes“ wurde von E. L. Katz für Netflix verfilmt (2017). Schon 2012 erschien bei Suhrkamp der Titel „29 Minuten“ (Original: „Outsourced“, 2011).
Dave Zeltserman beschäftigt sich intensiv mit Martial Arts und hat einen schwarzen Gürtel in Kung Fu. Er lebt mit seiner Frau Judy in der Kleinstadt Warren im US-Bundestaat Rhode Island.