Mistkerle am Abgrund
Der erste Satz
Etwas Feucht-Klebriges überzieht meine rechte Hand.
Krimi der Woche ∙ N° 08/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Das Warten hat ein Ende: Der seit mehreren Jahren angekündigte Noir-Thriller „Alles endet hier“ von Dave Zeltserman ist erschienen. Vielleicht wollte Pulp-Master-Verleger Frank Nowatzki abwarten, bis das Manuskript von 2018 auch im Original („Murder Club“) vorliegt – was aber offenbar bis heute nicht der Fall ist. Von Zeltserman liegt bei Pulp Master bereits die grossartige „Man out of prison“-Trilogie mit den voneinander unabhängigen Titeln „Paria“ – der für mich zu den besten Kriminalromanen des letzten Jahrzehnts zählt: 5 / 5 ! –, „Small Crimes“ und „Killer“ vor.
Keine Ahnung, weshalb „Murder Club“ im Original bisher nicht erschienen ist, denn auch dieser Roman, der jetzt Deutsch unter dem Titel „Alle endet hier“ vorliegt, ist ein starkes Stück. Icherzähler Dan Selby, ein Softwareentwickler in Boston, was der Autor selbst auch einmal war, und seine Frau Rachel liegen darin in einem erbitterten Streit mit Warren Costas, der einmal Dans bester Freund war. Zusammen haben sie ein vielversprechendes Software-Startup gegründet, aus dem Warren jetzt ausgestiegen ist. Und alle Anstrengungen unternimmt, es zu zerstören.
Der Grund für den Streit scheint relativ banal: Warren sei sauer, weil auf dem Umschlag eines im Wesentlichen von Dan geschrieben Buchs über das Softwareprojekt Dans Namen vor Warrens genannt wird. Warren überzieht Dan mit Klagen. Und er hat damit gute Karten, weil zwischen den beiden Kontrahenten bei der Gründung der gemeinsamen Firma keine Verträge gemacht wurden. Dan und Rachel geht langsam, aber sicher das Geld aus. Sie sehen sich in ihrer Existenz ernsthaft bedroht.
Dan sieht keine andere Möglichkeit mehr, als Warren endgültig aus dem Verkehr zu ziehen. Und er kommt auf seinen russischen Freund zurück, der ihm unlängst bei einem gemeinsamen Besäufnis zugeraunt hat, es gebe da einen Russen, der sich um solche Sachen kümmere. Der fliege Killer aus Russland ein, die dann, wenn ihre Tat entdeckt wird, das Land schon wieder verlassen hätten. Ohne Rachels Wissen kommt Dan mit dem Russen ins Geschäft. Und Warren wird wenige Wochen später bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht tödlich verletzt.
Dan und Rachel können sich mit Warrens Witwe rasch einigen. Das Geschäft mit Dans Software kommt dann zügig voran und beginnt zu florieren. Doch dann meldet sich der Russe wieder. Er hat Dan in der Hand und verlangt für sein Stillschweigen von ihm, in seinem „Mörderclub“ mitzumachen. Dan lehnt ab. Doch der Russe lässt sich das nicht gefallen.
„Alles endet hier“ ist ein raffiniert geplotteter Kriminalroman, der immer düsterer und beklemmender wird. Dan ist einer Abwärtsspirale gefangen. Je tiefer diese ihn in den Abgrund zieht, um so mehr beginnt er sich Gedanken über sein eigenes Verhalten zu machen. Weshalb verschwinden alle seine Freunde aus seinem Leben? Die Ursache des Zerwürfnisses mit Warren scheint tiefer zu gehen, als Dan uns weismachen will. Er benutzt Menschen und wendet sich von ihnen ab, wenn er sie nicht mehr braucht. Spät, letztlich zu spät, muss er sich eingestehen, dass er genauso ein Mistkerl wie Warren ist, „nur habe ich es besser verbergen können als er, und zwar nicht nur vor anderen Menschen, sondern auch vor mir selbst“.
Wertung: 4,7 / 5
Dave Zeltserman: Alles endet hier
(Original: Murder Club. 2017; bisher nicht erschienen)
Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller
Pulp Master, Berlin 2026. 283 Seiten, 16 Euro/ca. 24 Franken
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Bild: Goodreads
Dave Zeltserman,
geboren 1959 in Boston, studierte an der University of Colorado in Boulder Informatik und arbeitete dann als Softwareentwickler in seiner Heimatstadt Boston. Erst spät begann er seine Schriftstellerkarriere. Sein erster Roman „Fast Lane“ erschien im Jahr zwei 2000. Inzwischen hat er sich mit mehr als zwei Dutzend Romanen einen Namen gemacht, darunter auch Horrorgeschichte, eine Reihe um den Bostoner Privatdetektiv Julius Katz, dessen Premiere 2010 mit dem Shamus Award ausgezeichnet wurde, und unter dem Pseudonym Jacob Stone eine Serie um einen Profikiller.
Herausragend sind insbesondere seine Noir-Romane, von denen die brillante sogenannte „Man out of prison“-Trilogie bei Pulp Master erschienen ist: „Small Crimes“ (2008; dt. 2017), „Paria“ („Pariah“, 2009; dt. 2013) und „Killer“ (2010, dt. 2014). „Small Crimes“ wurde von E. L. Katz für Netflix verfilmt (2017). Schon 2012 erschien bei Suhrkamp der Titel „29 Minuten“ (Original: „Outsourced“, 2011).
Dave Zeltserman beschäftigt sich intensiv mit Martial Arts und hat einen schwarzen Gürtel in Kung Fu. Er lebt mit seiner Frau Judy in der Kleinstadt Warren im US-Bundestaat Rhode Island.