Gerechtigkeit gibt es nur ausserhalb des Gerichtssaals

Der erste Satz
Der Feuertraum zerrieb ihn.

Krimi der Woche ∙ N° 05/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger

Wer den Absprung aus dem Euphoria County geschafft hat, kehrt in der Regel nicht mehr zurück. Denn Euphorie herrschte hier vielleicht in der Gründerzeit, heute sicher nicht mehr. Will Seems ist weggegangen, hat ein Jahrzehnt in Richmond gelebt. Doch jetzt ist er aus der Hauptstadt des Bundestaates zurückgekehrt an den Ort im ländlichen Süden Virginias, in dem er aufgewachsen ist. Hier arbeitet er als Deputy beim Sheriff’s Department. Angehörige leben nicht mehr hier, im verlassenen, heruntergekommenen alten Familiensitz haust nun Will. Erinnert sich an seine Mutter. Und an ihren Suizid. Und sinniert über das Ereignis in seiner Jugend, welches der Grund für seine Rückkehr ist. Den er aber niemandem erzählt.

Will Seems ist die Hauptfigur im ersten Roman von Henry Wise, der zuvor neben ein paar Reportagen und Fotografien viele Jahre nur Gedichte publiziert hat. Er ist aufgewachsen in Richmond, Virginia, der sogenannten „Holy City“ im Titel seines ersten Romans, der viel Kritikerlob bekam und 2025 mit dem Edgar für das beste Debüt ausgezeichnet wurde. Die einen ordnen das Buch als Southern gothic ein, andere als Country noir oder Rural noir. Wie auch immer: Es ist ein beeindruckender Südstaatenroman, der in der Sprache eines Poeten von Hass und Loyalität, von Gerechtigkeit und Rache, von Rassismus und dem bitteren Leben in einer armen Gegend, von Schuld und Sühne, von Familie und Freundschaft handelt.

Will wird seit seiner Jugend geplagt von seiner Schuld am Schicksal seines Schwarzen Freundes Sam Hathom. Als sich eine Gruppe junger Schwarzer auf den Teenager Will stürzte, der sich nicht zu wehren wusste, haute ihn Sam unerschrocken raus. Dabei wurde er aber schwer verletzt. Mit entstelltem Gesicht und blind auf einem Auge überlebte er. Das Ereignis veränderte sein Leben, er wurde drogensüchtig und kämpft noch heute mit der Sucht.

Die Angreifer wurden nicht erwischt. Will sieht sich, seine Feigheit, als Ursache für Sams Schicksal. Und er will die damaligen Angreifer zur Rechenschaft ziehen. Deshalb ist der zurückgekehrt. Doch er weiss, „dass Gerechtigkeit keine Bedeutung hatte, nur Konsequenzen. Und sie passierte nicht einfach so. Sie musste durchgesetzt, erzwungen werden. ,Gerechtigkeit’ war unnatürlich, vor Gericht ein bedeutungsvolles Wort, aber nur außerhalb des Gerichtssaals zu erreichen.“

Unterwegs auf Streife entdeckt Deputy Will Seems einen Brand. Es ist das Haus eines Jugendfreundes, das in Flammen steht. Der Freund ist tot, nicht vom Brand, sondern erstochen. Der Sheriff ordnet die Verhaftung von Zeke Hathom an. Der Vater von Sam ist in der Nähe des Tatorts aufgegriffen worden. Will kennt Zeke seit der Kindheit, seine Frau war so etwas wie eine Ersatzmutter für Will, nachdem er die Mutter verloren hatte. Will glaubt Zeke, dass er nichts mit dem Verbrechen zu tun hat. Er ermittelt weiter, will den Täter finden. Dem Sheriff passt das nicht, er hat seinen Täter, praktischerweise einen Schwarzen, da gibt es für ihn nichts mehr zu ermitteln. Doch die Geschichte entwickelt sich brutal weiter.

„Holy City“ ist harter Noir-Stoff. Doch Henry Wise serviert die Geschichte nicht einfach direkt und simpel. Statt alles platt zu erklären, belässt er es oft bei Anspielungen, und er lässt auch leise Töne zu. Dabei geht er mit der Sprache präzis um; der Lyriker weiss, wie man auch mit wenigen Worten etwas auf den Punkt bringt. Zu hoffen ist, dass es für Wise nicht bei einem einmaligen Eintauchen in die Prosa und in die Kriminalliteratur bleibt. Denn er hat das Zeug dazu, zu einem Meister der Südstaatenliteratur zu werden.

Wertung: 4,4 / 5

Henry Wise: Holy City
(Original: Holy City. Atlantic Monthly Press, New York 2024)
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Mit einem Nachwort von Alf Mayer
Polar Verlag, Stuttgart 2026. 341 Seiten, 26 Euro/ca. 37 Franken

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Bild:  Lisa Damico / henrywise.com

Henry Wise,

geboren 1982 in Arlington, Virginia, entstammt einer alteingesessenen Familie: Sein Ur-Ur-Urgrossvater Henry A. Wise war im 19. Jahrhundert Gouverneur von Virginia und danach im Amerikanischen Bürgerkrieg Brigadegeneral des konföderierten Heeres, dessen Söhne wurden ebenfalls bekannte Politiker.

Henry Wise wuchs in Richmond, Viriginia, auf und verbrachte einen Teil der Kindheit in Lynchburg. Der Familientradition folgend studierte er am Virginia Military Institute in Lexington, bevor er das MFA-Programm an der University of Mississippi in Oxford, Mississippi, absolvierte. Nach dem Studium lebte er vier Jahre in Taiwan.

Während vielen Jahren veröffentlichte er Gedichte in den Magazinen „Shenandoah“, „Radar Poetry“, „Clackamas“, „Nixes Mate Review“ und anderen. Zudem publizierte er auch Reportagen und Fotografien. Heute lehrt er kreatives Schreiben und wirkt bei der Literaturzeitschrift „Cadence“ mit. „Holy City“ (2024) ist sein erster Roman. Er wurde 2025 von den Mystery Writers of America (MWA) mit dem Edgar Allan Poe Award für das beste Debüt ausgezeichnet. Er lebt in Lexington, Virginia


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