Der Tod eines Teenagers erschüttert eine Kleinstadt

Der erste Satz
Am letzten Samstag im Mai ertrinke ich im Schlaf.

Krimi der Woche ∙ N° 50/2023 ∙ Hanspeter Eggenberger

Eine Kleinstadt an der Küste in Massachusetts. Bei einer wilden Party von Jugendlichen auf der Baustelle eines Hauses kommt Lucy, Schülerin der Abschlussklasse an der örtlichen High School, ums Leben, als sie in den leeren Swimmingpool stürzt. Ein Unfall? Ist sie ausgerutscht? Oder hat sie jemand geschubst? Hatte sie einen epileptischen Anfall?

Darum kreisen, mal entfernt, mal näher, die Geschichten von zehn Frauen und Mädchen aus dem Ort, die die amerikanische Autorin Alina Grabowski in ihrem ersten Roman „Frauen und Kinder zuerst“ auftreten lässt. Sie ist in einer solchen Kleinstadt südlich von Boston aufgewachsen. Man spürt, dass sie genau weiss, wie solche Orte funktionieren. „Alle durchschauen es, wenn man vorgibt, etwas zu begehren, und wissen, was man wirklich will“, heisst es einmal in dem eindrücklichen Debüt.

Die zehn Protagonisten treten als Icherzählerinnen auf, fünf im mit „Vorher“ betitelten ersten Teil, der im Wesentlichen vor Lucys Tod spielt, die anderen fünf im zweiten Teil „Nachher“, also nach dem Ableben des Teenagers. Es beginnt mit Jane, einer Klassenkameradin von Lucy, die ein heimliches Verhältnis mit einem Lehrer hat. Es folgt Natalie, die aus Kalifornien, wo sie für ein Start-up arbeitet, in ihre Heimat zurückgekehrt ist, weil ihre Mutter im Spital liegt. Dort begegnet sie dem verzweifelten Vater von Lucy. Layla, Studienberaterin an der High School, kennt alle Schülerinnen und Schüler, deren Abschluss bevorsteht. Weiter geht es mit Mona, bei der Layla wohnt. Mona will eigentlich Schriftstellerin werden, aber sie arbeitet in einer lokalen Fischhandlung. Dort hilft Marina aus, eine Schülerin, die an der für Lucy fatalen Party dabei war. Im „Nachher“-Teil lernen wir zwei weitere Schülerinnen, eine Barfrau, eine Mutter, die dem Elternrat der Schule vorsteht, und schliesslich Lucys Mutter Brynn kennen. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschehnisse in der kleinen Stadt.

Ein Kriminalroman im eigentlichen Sinn ist „Frauen und Kinder zuerst“ nur am Rande. Viel mehr als um die Frage, wie Lucy denn nun genau zu Tode gekommen ist, geht es um das Leben in einer Kleinstadt, um das Erwachsenwerden und um Entscheidungen um die schulische Zukunft, um den ersten Sex und um die Suche nach einem neuen Partner nach der Scheidung, um Konflikte im Familienleben und um übergriffige Lehrkräfte. Und um das kleinstädtische Beziehungsgeflecht, das sich positiv wie negativ auf das individuelle Leben auswirken kann.

Grabowski versteht es, Kleinstadtgeschichten so packend zu erzählen, dass der Roman zu einem spannenden Psychothriller wird. Sie taucht mit Empathie tief in die Lebens- und Gedankenwelten der zehn Protagonistinnen ein. Männer spielen in der Geschichte nur Nebenrollen. Im Grunde sind es zehn Geschichten von Frauen, die zusammen ein Gesamtbild ergeben, das aber auch viele Fragen offen lässt. Grabowski ist eine fabelhafte Erzählerin, sie schreibt ebenso einfühlsam wie geistreich, und nicht nur die schlagfertigen Dialoge sind witzig.

Wertung: 4,3 / 5

Alina Grabowski: Frauen und Kinder zuerst
(Original: Women and Children First. SJP Lit/Zando, New York 2024)
Aus dem Englischen von Eva Kemper
Atlantik/Hoffmann und Campe, Hamburg 2023. 384 Seiten, 25 Euro/ca. 34 Franken

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Bild: Instagram @alinagrabowski_

Alina Grabowski,

geboren in Connecticut (in den 1990er Jahren; genauer Jahrgang unbekannt), ist aufgewachsen in Scituate, einer Kleinstadt an der Küste in Massachusetts südlich von Boston. Sie studierte Englisch an der University of Pennsylvania in Philadelphia und Creative Writing an der Vanderbilt University in Nashville.

Für ihre Kurzgeschichten, die in verschiedenen Literaturzeitschriften, darunter „Story“, „The Masters Review“, „Joyland“, „The Adroit Journal“ und „Day One“, erschienen sind, erhielt sie mehrere Stipendien und wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet. An der Vanderbilt University wirkte sie als Redakteurin für Belletristik für das Magazin „Nashville Review“.

„Frauen und Kinder zuerst“ ist ihr erster Roman; er erscheint auf Deutsch vor dem englischen Original. „Women and Children First“ erscheint im Mai 2024 im Verlagsprogramm SJP Lit, das die bekannten Schauspielerin Sarah Jessica Parker („Sex and the City“) als Imprint im unabhängigen New Yorker Verlag Zando herausgibt.

Alina Grabowski lebt und arbeitet derzeit in Austin, Texas.


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