Die Jägerin
Der erste Satz
Sie warten, dass du auftauchst.
Krimi der Woche ∙ N° 34/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger
Asa Kolbert war sechs Jahre im Gefängnis. Sie hat die Zeit genutzt, um einen Rachefeldzug minutiös zu planen. Es gibt keine Gnade für diejenigen, die sie belogen, betrogen und verraten haben. Und die über viele Jahre für den Tod von Teenagern verantwortlich waren und sind, die sich bei harten „Prüfungen“ nicht als Jäger, sondern als Beute erwiesen. Vor dreissig Jahren hat Asa selbst die Prüfung überlebt. Seither hat sie sich für ein Ende dieser „Familientradition“ stark gemacht. Und sich von ihrer Familie gelöst. Die Prüfungen, so erfuhr sie, seien abgeschafft. Erst als ihre Tochter dabei umkommt, geht ihr auf, dass das eine Lüge war. Und ihre Rache macht vor der Familie nicht Halt. Sie ist eine Jägerin.
Asa Kolbert ist die Titelfigur des kolossalen Thrillers „Asa“ von Zoran Drvenkar. Frühere Thriller wie „Du“ und „Sorry“ des vor allem als Kinder- und Jugendbuchautor bekannten und vielfach ausgezeichneten Berliners sind an mir vorbeigegangen. Und fast hätte ich „Asa“ nach den ersten zehn Seiten zur Seite gelegt. Denn es nervt mich, wenn in der zweiten Person Singular erzählt wird, meistens wirkt das ziemlich manieriert. Als ich doch noch ein paar Seiten weiterlese, packt mich die Story: Asas Pate, ein reicher Waffenindustrieller, der sich von einem grossen Bodyguard-Team gut beschützt fühlt, ist der erste, der drankommt.
Die Rache von Asa – „eine Lawine in Bewegung, niemand hält eine Lawine auf“ – findet in der Gegenwart statt und bildet den Rahmen für ein gewaltiges Epos, das sich über mehr als ein Jahrhundert, zwei Weltkriege, mehrere Generationen erstreckt. Eine spannende Gesellschaftsgeschichte, verpackt in eine dramatische Familiensaga. Fast siebenhundert Seiten, und es kommt nie Langeweile auf. Aus verschiedenen Blickwinkeln werden Geschichten aus den unterschiedlichen Epochen erzählt, die verständlich machen, wie es gekommen ist, dass Asa heute tief desillusioniert ist und ihrer unbändigen Wut bis zur letzten Konsequenz ihren Lauf lassen muss.
„Asa“ ist ein ungemein eigenständiger Roman – ich kenne in der deutschsprachigen Kriminalliteratur nichts Vergleichbares. Es ist eine Geschichte, die einen mit voller Wucht trifft, raffiniert gebaut, nicht chronologisch, sondern mit Blicken zurück dort, wo die Familienhistorie die Geschehnisse erhellen kann. Das ist einfach so verdammt gut, dass sich meine Abneigung gegen die zweite Person Singular, in der die Asa-Kapitel erzählt sind, bald gelegt hat. Und nicht einmal, dass der Erzähler dieser Kapitel ein Toter ist, der quasi als Geist spricht – auch so etwas, das ich eigentlich nicht abkann –, konnte verhindern, dass ich den Wälzer praktisch in einem Zug verschlang. Denn trotz einem solchen Element ist die Geschichte fest in der Realität verwurzelt, sei es, wenn zwei junge Familienmitglieder als Gestapo-Schergen ihr Unwesen treiben und die Familie das stoppen will, sei es, wenn Asa aus dem Gefängnis kommt und „sich nichts auf dieser Welt verändert“ hat: „Es herrscht noch immer Krieg und Chaos in Europa. Energie- und Klimakrise, Flüchtlinge, Inflation und ein Populismus, der sich wie eine giftige Schlange durch alle Gesellschaftsschichten bewegt. Die Welt taumelt, und der Profit frisst die Seelen.“
Wertung: 4,8 / 5
Zoran Drvenkar: Asa
Suhrkamp, Berlin 2025. 697 Seiten, 32 Euro/ca. 33 Franken
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Bild: Yves Tennevin, CC BY-SA 3.0, Wikimedia
Zoran Drvenkar,
geboren 1967 in Križevci im damaligen Jugoslawien, heute Kroatien, kam als Dreijähriger mit seiner Familie nach West-Berlin, wo er in Charlottenburg aufwuchs. In der siebten und zehnten Klasse ist er „hängengeblieben“, das Abitur hat er vermasselt. „Es gab nur drei Dinge, die ich gut konnte. Bücher lesen, Musik hören und Filme schauen. Schreiben lernte ich gerade, das konnte ich noch nicht gut“, schrieb er über sich. Und so wurde er Schriftsteller: „Ich war 22 und hatte keine Idee, wer ich eigentlich wirklich war, als mir Gregor begegnet ist. Gregor sagte, "Wir tun unser Geld zusammen und du schreibst und wirst berühmt und bis es so weit ist, fahr ich Taxi und hol Geld für uns rein, was hältst du davon?" Ich hielt viel davon. Neun Jahre zogen in das Land. Dann erschien mein erstes Buch und Gregor hörte auf Taxi zu fahren. Wir waren die besten Freunde, wir sind es noch immer.“
Nach verschiedenen Tätigkeiten in Kindergarten, Ökoladen und als freier Zeitungsmitarbeiter arbeitet er seit 1989 als freier Schriftsteller. Laut Wikipedia lebte er zunächst in Bayern, dann „von 1991 bis 1994 in einem Caravan in den Niederlanden“, bevor er 1995 nach Berlin zurückkehrte.
Seit 1999 veröffentlichte er mehr als drei Dutzend Kinder- und Jugendbücher, darunter unter dem Pseudonym Victor Caspak & Yves Lanois die Bestsellerreihe um „Die Kurzhosengang“, wofür er unbekannterweise 2005 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Seine Kinder- und Jungendbücher wurden auch sonst mehrfach ausgezeichnet, ebenso seine Kindertheaterstücke. Seit 2003 veröffentlichte er zudem auch Romane, Gedichte und Geschichten für Erwachsene, darunter die Thriller „Sorry“ (2009, Ullstein) und „Du“ (2010, Ullstein), die in fünfzehn Sprachen übersetzt wurden. „Sorry“ wurde 2010 mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet; „Du“ wurde unter dem Titel „Then You Run“ als TV-Serie verfilmt (2023, Sky).
Zoran Drvenkar lebt heute in Mecklenburg-Vorpommern.