Zwei Fäuste und kein Blatt vor dem Mund

Der erste Satz
Sid hatte versprochen dass der Datsun golden war aber um ehrlich zu sein war er noch nicht einmal bronzen aber an dem Tag an dem wir Sids Wagen aus Wyoming abgeholt haben war mir das schnuppe.

Krimi der Woche ∙ N° 48/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger

Sätze, bei denen die Kommas fehlen, vor allem längere, lassen einen beim Lesen immer mal wieder stolpern, im Deutschen wohl noch mehr als im Englischen. Das bekommen wir in „Red“, dem zweiten Roman der Australierin Felicity McLean, zu spüren. Sie bezieht sich bei diesem für einen Kriminalroman ein bisschen experimentell anmutenden Stilmittel auf den „Jerilderie Letter“, sozusagen das Manifest des legendären Outlaws Ned Kelly. McLean versteht „Red“ als „eine Neuinterpretation von Ned Kellys Geschichte, in der Kelly von einer heutigen Jugendlichen mit dem Spitznamen Red verkörpert wird“.

Ruby McCoy aka Red ist 14 Jahre alt, und sie erzählt ihre Geschichte vom Aufwachsen in schwierigen sozialen Verhältnissen. Sie lebt ohne Mutter bei ihrem Vater Sid. Der hat manchmal einen Job, meistens nicht. Er macht Geschäfte mit Sachen, die „vom Lastwagen gefallen“ sind. Er wird von korrupten Polizisten schikaniert. Und für krumme Dingern benutzt und ausgenutzt.

Red ist aufgeweckt, schlau und nicht aufs Maul gefallen. Und sie ist sich auch gewohnt, schon mal hart zuzulangen. „Zwei Fäuste und kein Blatt vor dem Mund“, ist ihr Motto. „Ich bin noch nicht tot und ich werde nicht leise gehen und ich bin hier um die Dinge ins rechte Licht zu rücken solange ich es noch kann yeah ich bin hier um ein paar Lücken in meiner Geschichte zu schließen ein paar Löcher zu stopfen nicht wahr?“

Trotz allerlei kleineren Verbrechen und grösserer Polizeikorruption liest sich „Red“ mehr als Coming-of-Age- und Unterschichts-Sozialgeschichte denn als Kriminalroman. Reds Suada entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen mag. Das liegt auch an der Empathie der Autorin für ihre Heldin und am düsteren Humor. Und an das Fehlen der Kommas gewöhnt man sich mit der Zeit.

Wertung: 3,9 / 5

Felicity McLean: Red
(Original: Red. Fourth Estate, Sydney 2022)
Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt
Polar Verlag, Stuttgart 2025. 262 Seiten, 17 Euro/ca. 27 Franken

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Bild: A. Hollingworth/HiredGun

Felicity McLean,

geboren 1982 und aufgewachsen in Sydney, studierte Englisch und australische Literatur an der Sydney University. Sie arbeitete zunächst im Bereich der Verlags-PR, bevor sie sich als Journalistin und Autorin selbständig machte. Sie veröffentlichte journalistische Arbeiten in Publikation wie „The Daily Telegraph“, „The Courier Mail“ und „Big Issue“.

Als Ghostwriterin schrieb sie insbesondere Autobiografien von bekannten Persönlichkeiten, darunter mit der australischen Schwimmerin, mehrfachen Olympia-Siegerin und Weltmeisterin Leisel Jones das Buch „Body Lengths“ (2015). 2017 veröffentlichte sie das Kinderbuch „This is a Book! (No Wifi Needed)“.

Ihr erster Roman, „The Van Apfel Girls Are Gone” (2019), erschien 2021 unter dem Titel „Cordie“ auf Deutsch. Der jetzt ebenfalls im Polar Verlag erschienene zweite Roman „Red“ erschien im Original unter dem gleichen Titel 2022.

Felicity McLean ist auch als „Chief Wordsmith“, wie sie sich auf Linkedin bezeichnet, in der Content-Agentur Swash & Buckle ihres Mannes Alan McLean tätig. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Sydney.


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