Wenn der Mailman dreimal klingelt
Der erste Satz
Rachel Stanfield machte eine Pause, nicht sicher, ob sie ihren Mann richtig verstanden hatte.
Krimi der Woche ∙ N° 14/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Feierabend. Rachel Stanfield und ihr Mann Glenn bereiten in ihrem Haus in einem Vorort von Indianapolis das Abendessen vor. Dabei streiten sie sich über die schulischen Leistungen von Glenns Tochter Abby, die auf einer Internatsschule in Chicago ist, und was deswegen zu unternehmen ist. Der Salat steht auf dem Tisch, Rachel giesst die Kartoffeln ab, Glenn muss noch die Steaks auf den Grill legen. Doch dann treten über die Veranda vier maskierte, in Schwarz gekleidete Männer den Raum. Sie ziehen die Vorhänge zu und die Sturmmasken von den Köpfen, fesseln Rachel und Glenn, setzen sie aufs Sofa.
Die Männer wollen von Rachel, die Rechtsanwältin ist, die Kopie einer eidesstattlichen Aussage einer Frau, die sie aufgenommen hat. Offenbar haben sie diese schon mehrfach verlangt, Rachel hat das aber abgelehnt. Und lehnt es immer noch ab. Die Situation eskaliert. Interessant ist, dass Glenn zuerst glaubt, die Männer seien wegen ihm, da wegen seinem Job bei einem Pharma-Start-up. Interessant findet Rachel auch, dass Glenn eine Waffe hat, von der sie nichts wusste, und dass er die Männer mit Millionen, auf die er Zugriff habe, davon abhalten will, ihnen etwas anzutun.
So beginnt der vorzügliche Thriller „The Mailman“ des US-Autors Andrew Welsh-Huggins. Der Mann aus Ohio, ursprünglich Gerichtsreporter, hat schon rund ein Dutzend Romane veröffentlicht, dies ist sein erstes Werk, das auch auf Deutsch erscheint. Und es ist eine lohnende Entdeckung. Denn die Ausgangslage führt nicht zu einer weitgehend absehbaren, schematischen Geschichte. Im Gegenteil. Kaum haben die Eindringlinge das Paar in den Keller verfrachtet und Folterwerkzeug sowie Sprengstoff ausgepackt, hat die famose Titelfigur ihren Auftritt.
Er klingelt an der Tür. Keine Reaktion. Er klingelt nochmals. Nichts. Er klingelt ein drittes Mal. Als die Eindringlinge dem hartnäckigen Besucher, den Rachel und Glenn nicht erwarten, öffnen, steht da ein Kurierfahrer, der eine Sendung für Rachel Stanfield liefern will: „Der Mann war klein, keine einsachtzig, hager und schmal gebaut. Eine Drahtgestellbrille, braune Augen und dazu, ausgerechnet, eine Baseballkappe der Rochester Red Wings.“ Die Sendung will er dem Mann nicht geben. Er könne sie nur Rachel persönlich übergeben und brauche ihre Unterschrift. Es entspannt sich ein längerer Dialog, in dem der Kurier sich stur gibt. Da ihm die Männer nicht sagen können, wann Rachel wieder da sein wird, will er in seinem SUV, den er auf dem Rasen vor dem Haus geparkt hat, auf sie warten.
Mercury Carter, genannt Merc, hat sofort gemerkt, dass da etwas gar nicht gut ist. Dass diese Männer Rachel Stanfield festhalten, warum auch immer. Als der Chef der Eindringlinge einen Kumpel rausschickt, um den Kurierfahrer zum Wegfahren zu bewegen oder ihn aus dem Verkehr zu ziehen, wenn er nicht spurt, ist Merc schon darauf vorbereitet. Und zieht seinerseits den Mann aus dem Verkehr. Dann geht er nachsehen, was im Haus los ist. Die Gangster machen sich mit Rachel auf und davon, Glenn lassen sie samt ihrer Bombe im Keller. Merc befreit ihn im letzten Moment, bevor der Sprengstoff das Haus in Schutt und Asche legt.
Merc nimmt Glenn mit auf die Verfolgung der Gangster, an deren Auto er vorsorglich schon einen Sender angebracht hat. Es beginnt eine verrückte und auch ziemlich gewalttätige Reise, in der sich die Geschichte immer mehr ausweitet und neue Akteure auftauchen. Welsh-Huggins erweist sich nicht nur als einfallsreicher Autor, sondern auch als vorzüglicher Handwerker. Der Plot ist brillant konzipiert, die Geschichte wird mit Tempo und Witz erzählt, mit verrückten Wendungen, ohne dabei in billige Effekte abzugleiten.
Und dieser Protagonist, der Mailman, ist ganz einfach grossartig. Mercury Carter ist zwar tatsächlich als selbstständiger Kurier tätig, was ihm viele der Menschen, denen er begegnet, nicht wirklich glauben. Aber er hat eine Polizeiausbildung und war bei der posteigenen Polizei tätig: beim United States Postal Inspection Service (USPIS), einer mit Polizeibefugnissen ausgestattete Behörde des United States Postal Service (USPS). Dort musste er gehen, weil er seine Arbeitszeit auch dazu nutzte, herauszufinden, wer den Mord an seinem Vater in Auftrag gegeben hat. Der war als Postmann – mit einer hehren Berufsauffassung – einem Drogenvertrieb via Postpakete auf die Schliche gekommen.
„The Mailman“ ist ein exzellenter Thriller, er bietet ein fabelhaftes Lesevergnügen. Und wir dürfen uns auf mehr von diesem fantastischen Stoff freuen: In den USA ist ein zweiter Band mit Mercury Carter erschienen, „The Delivery“.
Wertung: 4,5 / 5
Andrew Welsh-Huggins: The Mailman
(Original: The Mailman. Mysterious Press, New York 2025)
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 398 Seiten, 18 Euro/ca. 27 Franken
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Bild: goodreads.com
Andrew Welsh-Huggins,
geboren 1961, stammt aus der Region der Finger Lakes im Norden des US-Bundestaats New York. Er studierte am Kenyon College, einer liberalen privaten Hochschule in Gambier, Ohio (berühmte Absolventen sind beispielsweise der Schauspieler Paul Newman und der schwedische Politiker Olof Palme), wo er 1983 mit einem BA abschloss.
In Columbus, der Hauptstadt von Ohio, war er dann lange als Gerichtsreporter für Associated Press (AP) tätig.
Er veröffentlichte Sachbücher über die Todesstrafe in Ohio („No Winners Here Tonight: Race, Politics, and Geography in One of the Country's Busiest Death Penalty States”, 2009) und über Gerichtsverfahren gegen al-Qaida-Mitglieder („Hatred at Home: Al-Qaida on Trial in the American Midwest“, 2011), bevor er sich auf Kriminalliteratur konzentrierte. Seine Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Magazinen, darunter „Ellery Queen Mystery Magazine“, und Anthologien, darunter „Paranoia Blues: Crime Fiction Inspired by the Songs of Paul Simon“. Seit 2014 erscheint seine Krimireihe um den Privatdetektiv Andy Hayes, in diesem Jahr (2026) bereits der neunte Band, „Rescue Me“. 2023 erschien als Standalone der Noir-Krimi „The End of the Road“ und 2025 „The Mailman“, der jetzt unter dem gleichen Titel als erstes seiner Bücher auf Deutsch vorliegt. In den USA ist soeben die Fortsetzung „The Delivery“ erschienen. Er ist zudem Herausgeber der Anthologie „Columbus Noir“ (2020).
Andrew Welsh-Huggins lebt mit seiner Familie in Ohio. Wenn er nicht gerade schreibe, gehe er, wie er selbst schreibt, „gerne joggen, liest, kocht, spielt Klavier, verbringt Zeit mit seiner Familie und versucht sich daran zu erinnern, warum es ihm damals eine gute Idee erschien, sowohl Katzen als auch Wellensittiche zu halten“.