Ein Schalldämpfer ist wie ein Wahlversprechen

Der erste Satz
Der Erzähler möchte sich hiermit nicht anmaßen, zu behaupten, die Bonneval-Affäre allein habe zum Sturz unserer Republik geführt.

Krimi der Woche ∙ N° 13/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger

Wo das alles enden wird, verrät Jérome Leroy schon im ersten Satz seines neuen Romans: beim „Sturz unserer Republik“. In Frankreich finden die letzten Wahlen statt, nachdem „der Verrückte im Elysée“ wieder mal die Nationalversammlung aufgelöst hat. Keine 150 Seiten braucht Leroy, um uns – verpackt in eine spannende, düstere, witzige und sogar ein bisschen romantische, wenn auch dystopische Kriminalgeschichte – zu zeigen, wohin die derzeitigen politischen Verhältnisse und Vorgänge in Frankreich führen könnten. Nämlich zur Machtübernahme durch die extreme Rechte, zum Ende der Republik.

Der Roman heisst „Die kleine Faschistin“. Das ist der „zärtliche Spitzname“, den die Familie Crommelynck in einer kleinen Stadt nahe der Grenze zu Belgien ihrer Tochter Francesca gegeben hat, nachdem sie sich auf dem Schiessstand bewährt hatte. „Wie alt war sie da? Vielleicht fünf? Oder höchstens sechs.“ Nun ist sie 20, und nicht erst, seit die Republik am Zusammenbrechen ist, kommen ihr Zweifel daran, ob die politischen Rezepte ihrer Familie und Freunde, mit denen sie aufgewachsen ist, wirklich tauglich sind. In ihren frühen Teenagerjahren hat sie sich in den Klassenkameraden Jugurtha verliebt, den Sohn eines kabylischen (nordalgerische Berber) Kommunisten. Sie waren 14, als Jughurta ermordet wurde; der Fall blieb ungeklärt. Im Verlauf der wilden Geschichte wird Francesca erfahren, wer der Mörder war. Und danach wird sie zum Katalysator der Affäre Bonneval.

Bonneval ist ein Mitte-Links-Politiker aus der Kleinstadt, der von nationalen Strategen für höhere Weihen vorgesehen ist. Doch er steckt in einer Midlife-Crisis und will sich zurückziehen. Als ein Auftragskiller ihn sucht, ist er schon untergetaucht. Beim Killer kommt Leroys Humor und Sarkasmus schön zum Einsatz: „Er wird seine Glock nicht benutzen können, nicht einmal mit seinem nagelneuen Fischer-Schalldämpfer. Denn so ein Schalldämpfer ist wie ein Wahlversprechen: Nie vollauf befriedigend.“ Dieser Tonfall trägt wesentlich dazu bei, dass sie Lektüre trotz allen politischen Sauereien auch vergnüglich ist. Immer wieder mal wendet sich der Erzähler auch direkt an das Publikum. Mit wunderbarer Ironie etwa, wenn sich Francesca erinnert, wie ihr Fascho-Bruder Nils den Patriotischen Block – in Leroys Romanen das Alter Ego von Le Pens Rassemblement National – für nicht mehr rechts genug hielt: „… zu Zeiten des Alten, zu Zeiten in denen der Block, wie es ihr Bruder sagte, noch keine Partei von linken Homosexuellen war. Nils hatte das in Wirklichkeit anders ausgedrückt, er sprach von linksversifften Schwuchteln, aber dem Erzähler ist bewusst, dass er mit dieser Wortwahl Anstoß erregen könnte und vermeidet sie deshalb, auch wenn das zu Lasten des Realismus seiner Geschichte geht.“

Wertung: 4,5 / 5

Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin
(Original: La petite fasciste. La Manufacture de livres, Paris 2025)
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, Hamburg 2026. 147 Seiten, 18 Euro/ca. 27 Franken

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Bild: Pascal Ito

Jérôme Leroy,

geboren 1964 in Rouen in der Normandie, war während rund zwanzig Jahren Französischlehrer an verschiedenen Schulen im Norden Frankreichs, vor allem in Roubaix. Seinen ersten Roman „L’Orange de Malte“ (1990) schrieb er während seiner Zeit im Militär.

Inzwischen publizierte er mehr als 15 Romane, mehrere Gedichtbände und eine ganze Reihe von Jugendbüchern. Zum sogenannten Néo-Polar, dem Krimi als gesellschaftskritischem Roman, kam er durch einen Freund, den Schriftsteller Frédéric H. Fajardie, einen der Pioniere der modernen französischen Kriminalliteratur. Für Leroy ist die Kriminalliteratur inzwischen „eine zeitgemässe Form der Geschichtsschreibung“.

In seinem Politthriller „Le Bloc“ (2011, Deutsch: „Der Block“, 2017) geht es um die Machtergreifung einer rechtsextremen Partei in Frankreich, der als Schlüsselroman über den Front National gilt. Auf diesem Roman basiert der Spielfilm „Chez nous“ (2017) des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux; Leroy wirkte auch am Drehbuch mit. Auf Deutsch erschienen sind auch seine Romane „Die Verdunkelten“ (2018), „Der Schutzengel“ (2020), „Terminus Leipzig“ (2022), ein Gemeinschaftswerk mit dem deutschen Autor Max Annas, „Die letzten Tage der Raubtiere“ (2023) unc „Die letzte Französin“ (2025; „La petite gauloise“ 2018).

Jérôme Leroy lebt in Lille, der Grossstadt ganz im Norden Frankreichs an der Grenze zu Belgien.


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