Harvey Buck schlägt Jack Reacher

Der erste Satz
Irgendwo in der Ferne brannte ein Auto.

Krimi der Woche ∙ N° 18/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger

Zu den Stärken von Candice Fox zählt – neben abgedrehten Plots, originellen Einfällen, schrägem Humor und enormem Erzähltalent – ihre Fähigkeit, sonderbare und verschrobene Figuren so zu zeichnen, dass sie völlig glaubwürdig wirken. So begegnen wir in den Romanen der australischen Bestsellerautorin nicht dem Personal, das üblicherweise Mainstream-Krimis bevölkert. Das ist selbst dann so, wenn sie, wie im neuen Thriller „Outback Killers“, als bekennender Lee-Child-Fan einen Helden in der Art von Jack Reacher schaffen will – ihr Harvey Buck ist eine interessantere Figur. Und da Fox verrücktere Ideen als Child hat und besser erzählen kann als der britische Veteran, bietet ihre Reacher-Hommage ein entschieden grösseres Leservergnügen als das Vorbild.

Harvey Buck, australischer Afghanistan-Veteran und als Kriegsheld ausgezeichnet, will auf dem schnellsten Weg nach Sydney. Eine alte Freundin und Soldatin hat angerufen, dass sie mit Krebs im Sterben liege. Die Flugplätze im Outback sind wegen Bombendrohungen geschlossen. Harvey fährt mit dem Auto, er nimmt den High Wire („High Wire“ ist der Originaltitel des Buchs), eine Piste durch die Wüste, die auf keinen Karten verzeichnet ist, die von Schmugglern und anderen Kriminellen benutzt wird, um die die kontrollierten Strassen zu meiden. Und da trifft er auf ein brennendes Auto. Eine Falle, vermutet er. Dennoch nimmt er Clare mit, deren Wagen in Flammen aufgegangen ist. Wenig später wird sein Auto durch eine Nagelkette gestoppt und er wird von drei maskierten Männern überfallen. Einen kann er töten. Die anderen nehmen ihn und Clare gefangen.

Harveys Trip auf dem High Wire war von seinen Kidnappern geplant, stellt sich heraus. Die in Afghanistan bei einem Verrat, dem mehrere Kameraden zum Opfer fielen, von Harvey ertappten Ex-Soldaten sinnen auf brutale Rache. Clare ihrerseits, die die harmlose Puppen-Restauratorin gibt, wird von ihrem Mann, einem hohen Polizeifunktionär, verfolgt. Und dann kommt Senior Sergeant Edna Norris ins Spiel: Die schon ältere Polizistin ist zusammen mit einer Kollegin für das riesige Outback-Gebiet, durch das der High Wire füht, zuständig. Sie ist unerschrocken und mit fast allen Wassern gewaschen. Sie lässt sich auch von hohen Polizeifunktionären nicht sagen, wie sie ihre Arbeit zu machen hat. Das führte dazu, dass sie nicht mehr in der Stadt, sondern in der Einöde stationiert ist.

Harvey Buck mag zwar die Hauptfigur sein, aber die interessanteste Figur ist Edna Norris. Auch im Outback trifft sie auf die gleiche Art von männlichen Kollegen wie in der City: „Männer, die nur wegen des uralten Klischees Polizisten geworden waren, dem nur die miesesten Cops entsprangen, weil man sie irgendwann in ihrem Leben ganz schlimm gemobbt hatte und sie köstliche, Rache verheissende Macht wollten, die eine Dienstmarke mit sich brachte.“

Candice Fox versteht es, einen spannenden Actionthriller voller bösartiger Typen mit einem sowohl politisch wie menschlich tief gehenden Hintergrund zu unterlegen. Und blutige Brutalität mit einem Augenzwinkern zu servieren. Fazit: Harvey Buck schlägt Jack Reacher. Mehr davon, bitte!

Wertung: 4,3 / 5

Candice Fox: Outback Killers
(Original: High Wire. Penguin, Melbourne/Sydney 2024)
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Suhrkamp, Berlin 2026. 431 Seiten, 18 Euro/ca. 26 Franken

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Bild: candicefox.org

Candice Fox,

geboren 1985 in Bankstown, einer Vorstadt von Sydney in Australien, wuchs bei Pflegeeltern in einer eher exzentrischen Grossfamilie mit „Halb-, Adoptiv- und Pseudogeschwistern“ auf. Schon als Teenager begann sie zu schreiben. Zwischen Schule und Studium war sie kurz in der Royal Australian Navy. Sie studierte an der University of Notre Dame, der University of Sunshine Coast und der University of Queensland. Nach dem Studium gab sie Literaturkurse an der University of Notre Dame Australia in Sydney.

Bevor ihr erster Roman von einem Verlag angenommen wurde, habe sie rund 200 Absagen erhalten, erzählte sie in Interviews. „Hades“, der erste Band einer schrägen Trilogie um ein Geschwisterpaar, das bei der Polizei arbeitet, daneben aber auf eigene Faust Verbrecher abserviert, die sich der Justiz entziehen können, erschien 2014 und wurde mit dem bedeutenden Ned Kelly Award für das beste australische Krimidebüt ausgezeichnet, der Folgeroman „Eden“ mit dem Award für den besten Roman des Jahres. Die drei Romane – „Hades“, „Eden“, „Fall“ – sind unter den Originaltiteln auf Deutsch erschienen (Suhrkamp), ebenso die dreiteilige Crimson-Lake-Serie mit dem unkonventionellen Ermittlerduo Ted Conkaffey und Amanda Pharrell: „Crimson Lake“, „Redemption Point“ und „Missing Boy“. Es folgten die Standalones „Dark“ (2020), „606“ (2022), „Stunde um Stunde“ (2023) und „Devil’s Kitchen“ (2024). Mit „High Wire“ (2024), jetzt als „Outback Killers“ auf Deutsch vorliegende, kehrte sie nach Abstechern in die USA wieder zu Australien als Schauplatz zurück. Fox hat zudem acht Romane als Co-Autorin des amerikanischen Bestsellerproduzenten James Patterson, der mit einer ganzen Reihe von Autoren zusammenarbeitet, geschrieben. Die „Crimson Lake“-Reihe wurde in Australien unter dem Titel „Troppo“ als TV-Serie verfilmt; bisher gibt es zwei Staffeln (im deutschen Sprachraum bei Amazon Prime Video).

Candice Fox beschreibt sich als „Handwerkerin, Tierliebhaberin und Weintrinkerin“. Zudem malt sie leidenschaftlich, und sie näht, strickt, häkelt und töpfert auch. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Sydney.


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