Die begehrlichen Blicke der Grossmächte auf Grönland
Der erste Satz
I„Sonst sind es immer Drachen“, denkt Yang Lee beim Blick auf die beiden Elefanten aus hellgrauem Plastik, die vor dem Eingang des Restaurants China House an der Amagerbrogade stehen.
Krimi der Woche ∙ N° 17/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Über jene, „die keine Ruhe geben werden, bis sie alles aus Grönland herausgeholt haben und nichts mehr übrig ist“, beklagt sich ein dänischer Parlamentarier aus Grönland im Agententhriller „Dunkelmann“. Im Original ist das Buch schon 2024 erschienen, also bevor der aktuelle US-Präsident unverhohlen mit der Annektierung der zu Dänemark gehörenden riesigen Insel zwischen Nordatlantik und Nordpolarmeer gedroht hat. Hier sind es die Chinesen, die etwas zu begehrliche Blicke auf die Bodenschätze Grönlands werfen. Der Roman ist ein schönes Beispiel für gute Politthriller, die sich mit aktuellen Themen und latenten Bedrohungen auseinandersetzen.
Da der ehemalige Chef des dänischen Auslandgeheimdienstes FE, Lars Findsen, als Co-Autor des Bestseller- und Drehbuchschreibers und Jacob Weinreich mitwirkt, sind die Schilderungen der Arbeit des Geheimdienstes eines kleineren Landes sehr interessant. (Findsen ist vor fünf Jahren verhaftet und seines Amts enthoben worden, weil er angeblich Staatsgeheimnisse an Medien weitergegeben hat; das Verfahren gegen ihn ist inzwischen eingestellt worden.)
„Dunkelmann“ ist der Auftakt einer Reihe um die Führungsoffizierin Maja Birk und den Analysten Daniel Hartmann vom FE. Birk muss nach einem offenbar durchgesickerten geheimen Einsatz mit einem iranischen Informanten und einem provozierten Autounfall aus der Türkei zurückgeholt werden. Zuhause analysiert Hartmann die Liste der chinesischen Wissenschaftler, die in Kürze in Dänemark erwartet werden. Dass einer der Delegation offenbar unter falschem Namen reist, weckt das Interesse der Geheimdienstler. Sie versuchen, eine chinesische Studentin in Kopenhagen zu rekrutieren. Als dann auch noch ein chinesischer Killer in der Stadt auftaucht, eskaliert die ganze Sache. Hartmann braucht die erfahrene Kollegin Birk, die eigentlich krankgeschrieben wäre.
Findsen und Weinreich haben eine spannende Geschichte entwickelt, die sie gekonnt erzählen. Neben realistischen Bezügen zur tatsächlichen Aktualität sind nicht nur die Einblicke in die Arbeit von Agenten interessant, sondern auch die in ihre Privatleben, die von intimen Kenntnissen zeugen. Sowohl bei Birk und ihrem Freund wie bei Hartmann und seiner Frau wird das Verhältnis dadurch erschwert, dass die Geheimdienstler daheim nichts über ihre Arbeit und ihre damit verbundenen Erlebnisse und Belastungen erzählen können. Erschwerend kommt bei Hartmann dazu, dass seine Frau Journalistin ist und gerade mit einem Podcast über den Inlandgeheimdienst Aufsehen erregt. Das ist in dem Roman dann fast etwas zu viel des Guten, auch wenn es die Möglichkeit bietet, das ewige Dilemma von geheimen Diensten in demokratischen Ländern zu thematisieren: „Ein Balanceakt, wenn es darum geht, den Diensten weiterhin zu ermöglichen, unbeobachtet von der Öffentlichkeit zu agieren, während sie gleichzeitig Einblick in ihre Arbeit geben und alles offen kommunizieren sollen, was kommuniziert werden kann, ohne den Erfolg der jeweiligen Mission zu gefährden.“
Wertung: 3,9 / 5
Lars Findsen/Jacob Weinreich: Dunkelmann
(Original: Skygger på Silkevjen. Politiken Forlagshus, Kopenhagen 2024)
Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
Scherz, Frankfurt am Main 2026. 477 Seiten, 18 Euro/ca. 25 Franken
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Bild: Ditta Capion / Scherz/Fischer Verlag
Lars Findsen/Jacob Weinreich
Lars Johan Findsen, geboren 1964 in Charlottenlund, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Kopenhagen mit dem Ziel, Polizeichef zu werden. Er schloss 1990 als Cand. jur. ab. Nach dem Studium arbeitete er zunächst bei Datatilsynet, der nationalen Datenschutzbehörde Dänemarks. Von 1993 bis 2002 war er im Justizministerium in verschiedenen Positionen tätig. Von 2002 bis 2007 leitete er den Inlandgeheimdienst PET (Politiets Efterretningstjeneste). Zurück im Justizministerium war er von 2007 bis 2015 Stabschef des Ministers. 2015 übernahm er die Leitung des Auslandgeheimdienstes FE (Forsvarets Efterretningstjeneste).
Im Dezember 2021 wurde er bei der Rückkehr von einer beruflichen Reise aus Nordmazedonien am Flughafen in Kopenhagen verhaftet. Ihm wurde die Weitergabe von Staatsgeheimnissen an Medien vorgeworfen. Aus Geheimhaltungsgründen wurde keine genaueren Informationen zu den Vorwürfen öffentlich bekannt. Im Februar 2022 wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen. Im November 2023 wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Im Oktober 2022 veröffentlichte er zusammen mit der Journalistin Mette Mayli Albæk das Buch „Spionchefen. Erindringer fra celle 18“ („Der Geheimdienstchef: Erinnerungen aus Zelle 18“). Im August 2024 teilte er mit, dass er gegen den Inlandnachrichtendienst PET und das Justizministerium wegen Verletzung seiner Privatsphäre und seiner Ehre Klage einreiche. Zusammen mit dem Autor Jacob Weinreich hat er 2024 eine Romanreihe um eine Agentin und einen Agenten des Auslandgeheimdienstes FE gestartet, deren erster Band unter dem Titel „Dunkelmann“ jetzt auf Deutsch vorliegt.
Jacob Weinreich, geboren 1972 in Aarhus, hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht und ist Autor von rund 20 Romanen für Erwachsene. Dazu gehört eine Reihe von Krimibestsellern, von der von 2010 bis 2020 zwölf Bände erschienen sind; dabei war er Teil eines Autorenduos mit den Pseudonymen A. J. Kazinski und Anna Ekberg. Zudem schreibt er – teils auch unter dem Pseudonym A. J. Kazinski – Drehbücher, unter anderem für die dänische TV-Serie „White Sands“, die auch auf Deutsch ausgestrahlt wurde.