Toxische Tipps für Romanzen

Der erste Satz
Lieber Professor Romance,
ich bin auf Ihre Kolumne gestoßen, als ich mich im Internet umgesehen habe, wie man am besten Frauen kennenlernt.

Krimi der Woche ∙ N° 19/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger

„Dear Professor Romance“ heisst die Kolumne, die der sich als selbigen Professor ausgebende Doug Guthrie als Geschäft betreibt. Und so heisst der neue Roman des amerikanischen Noir-Autors Mark SaFranko, von dem uns auf Deutsch schon „Amerigone“ erfreute. Dass beide Romane im Original bisher nicht erschienen sind, liegt wohl daran, dass sie keine Mainstream-Krimi-Erwartungen bedienen, sondern höchst originell und eigen sind.

„Dear Professor Romance“ handelt von drei Männern und ihren, um es nett zu sagen, Beziehungsproblemen. Doug Guthrie ist als Professor Romance der Mann, der weiss, wie ein Mann eine Frau gewinnt. Eine Kolumne, die Zuschriften bedürftiger Männer beantwortet, ist sein Geschäft. Wobei die Beratung meist darin gipfelt, die Ratsuchenden müssten seine Ratgeberbücher studieren, die er zu 200 Dollar pro Band anbietet. Erfolg garantiert. Dabei klappt es nicht einmal bei ihm selbst. Der Sechzigjährige lebt bei seiner Mutter, deren zunehmende Demenz in vor Probleme stellt. Und wenn er eine Frau treffen will, muss er dafür bezahlen.

Norman Bright verzweifelt daran, dass ihn Frauen nicht einmal ansehen. So ist er zahlender Kunde des Professors geworden, den er für genial hält. Allerdings nur so lange, bis er mit dessen toxischen Tipps bei einer Arbeitskollegin nicht nur komplett scheitert, sondern sich mit seinen Avancen auch in ein böses Schlamassel reitet. Nun beschimpft und bedroht er sein einstiges Aufrissidol zunehmend heftiger. Bis der Professor ihm, um ihn loszuwerden, mitteilt, dass die Ratschläge gar nicht von ihm selbst stammen, sondern von einem Ghostwriter.

Für Lance Bertovich ist die Professor-Romance-Kolumne sein einziges regelmässiges Einkommen. Er ist Schriftsteller, ein Noir-Krimi-Autor, der in Europa eine Fangemeinde hat, von den Einkünften der dort erscheinenden Bücher aber nicht leben kann. Seine Frau hat einen guten Job, von dem die kleine Familie, sie haben einen Sohn, leben kann. Doch Bertovich findet sein Leben langweilig, und er lässt sich auf eine Affäre ein. Dies mit der Mutter eines Schulkameraden seines Jungen, was dazu beiträgt, dass Gerüchte unter den Eltern die Runde machen und bald auch seine Frau erreichen.

Alle drei Protagonisten handeln sich immer mehr Ärger und Probleme ein, bei allen eskaliert die Situation. Auf unterschiedliche Weise entgleitet ihnen nach und nach die Kontrolle über ihr Leben. Und einer verliert sein Leben buchstäblich. Raffiniert verknüpft der Plot die drei Geschichten, die gleichzeitig komische wie tragische Züge haben. Kaum schmunzelt man über eine witzige Situation, kippt sie in Trostlosigkeit. Ins Düstere. Denn was ein bisschen wie eine Satire beginnt, ist in Wirklichkeit ein purer Noir.

Wertung: 4,2 / 5

Mark SaFranko: Dear Professor Romance
(Original: Dear Professor Romance. 2022; [bisher] nicht erschienen)
Aus dem Englischen von Sepp Leeb.
Pulp Master, Berlin 2026. 238 Seiten, 16 Euro/ca. 23 Franken

Bestellen bei Amazon

 

Bild: Pulp Master

Mark SaFranko,

geboren 1950 in Trenton, New Jersey, besuchte die katholische Notre Dame High School in Lawrenceville. Schon als 18-Jähriger wollte er, beeinflusst von Henry Miller, Schriftsteller werden. Er arbeitete zunächst unter anderem als LKW-Fahrer, Kleiderverkäufer, Fastfood-Koch, Theaterschauspieler, Barmusiker, Büroaushilfe, Bankangestellter, Sportreporter und Telefonverkäufer.

Er veröffentlichte mehr als hundert Kurzgeschichten und schrieb etliche Romane, von denen in den USA nur die wenigsten erschienen sind. Vor allem in Frankreich werden seine Bücher veröffentlicht und hoch gelobt. Die 2023 erschienene deutsche Ausgabe von „Amerigone“ aus dem Jahr 2020 war die Erstveröffentlichung dieses Romans. Auch „Dear Professor Romance“ ist im Original bisher nicht erschienen.

Mark SaFranko ist auch Dramatiker, Schauspieler, Maler, Komponist und Musiker. Seine Stücke wurden an verschiedenen Bühnen in New York und in Irland aufgeführt. Als Schauspieler spielt er im Theater, in Filmen und auch in Werbespots. Als Musiker veröffentlichte er eine ganze Reihe von Alben. Er lebt mit seiner Frau Lorrie Foster seit 2000 in Montclair, New Jersey.


Weiter
Weiter

Harvey Buck schlägt Jack Reacher