Um zu leben, musst du töten

Der erste Satz
Mein Name ist Parker Saturn.

Krimi der Woche ∙ N° 52/2023 ∙ Hanspeter Eggenberger

Im vergangenen Sommer ist im kleinen Berliner Verlag Pulp Master – von dem ich übrigens jedes Buch empfehlen kann – der Roman „Filmriss“ aus dem Jahr 1960 vom legendären Charles Willeford (1919–1988) erstmals auf Deutsch erschienen. Gleichzeitig gab Pulp-Verleger Frank Nowatzki den Roman „Amerigone“ des 1950 geborenen US-Autors Mark SaFranko heraus. Es ist das erste Buch des Noir-Meisters aus New Jersey, der in einschlägigen Kreisen in Frankreich weit bekannter ist als in seiner Heimat, wo die wenigsten seiner Werke überhaupt erschienen sind, das ins Deutsche übertragen wurde. Im Original ist „Amerigone“ bisher gar nicht erschienen.

Wie Willeford übt SaFranko, ein halbes Jahrhundert später, beissende Kritik am American Way of Life. Was gerne als „Jeder kann es schaffen, wenn er will“ dargestellt wird, zeigt er als gnadenlosen kapitalistischen Kampf von Machtmenschen gegen die Schwächeren. Iwan Rubleski, der in „Amerigone“ den Icherzähler Parker Saturn in einen Strudel von Gewalt zieht, bringt das amerikanische Wesen einmal so auf den Punkt: „Wenn man den Mumm dazu hat, einfach zuzugreifen, ist es wie ein gigantischer Kuchen, der nur darauf wartet, aufgeteilt und verschlungen zu werden. Und ausser seinen eigenen persönlichen Wünschen braucht man auch keinen Grund dafür.“

Parker ist nicht unbedingt eine Frohnatur. „Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann dies: Es kann nur schlimmer werden“, findet er. Er arbeitet in New York für ein innovatives Tech-Unternehmen. In einem Hotel soll er den ihm unbekannten Kollegen Iwan Rubleski aus der Niederlassung an der Westküste zu einem Meeting treffen. Dieses läuft sogleich aus dem Ruder. Rubleski ersticht ohne Grund den Zimmerkellner. Und nimmt Parker danach mit auf einen blutrünstigen Horrortrip durch die US-Provinz. Parker sieht sich als Geisel des eloquenten Killers, wird aber mehr und mehr zum willfährigen Mitläufer.

Rubleski zeigt ihm, dass man nicht bestimmte Gründe braucht, um etwas zu tun, sondern es einfach tun kann, weil man es erleben will. Dass das Prinzip von Ursache und Wirkung für modern denkende Menschen heute nicht mehr gilt. Und er sagt: „Alle Geschöpfe zerstören, um zu überleben. Der Löwe und die Gazelle – das ist die natürliche Ordnung der Dinge. Tod ist Leben, Parker. Um zu leben, musst du töten.“

SaFranko hat die Geschichte, die zwar im Grunde düster ist, aber auch eine leicht satirische Komponente hat, teuflisch raffiniert konstruiert. Und vollgepackt mit allerlei Weisheiten zur heutigen Zeit, wie: „Früher war verrückt zu sein etwas Besonderes. Heute ist jeder verrückt.“ Und die den Kapitelüberschriften beigestellten Zitate zeigen, wie international belesen SaFranko ist. Dem Schweizer Leser fällt natürlich besonders Friedrich Dürrenmatt auf („Der Wirklichkeit ist mit der Logik nur zum Teil beizukommen.“), dem Noir-Liebhaber der Franzose Pascal Garnier, der gerade postum auf Deutsch zu entdecken ist.

Den Titel „Amerigone“ kann übrigens nicht einmal der Autor wirklich erklären, wie wir im Nachwort von Michael Grimm erfahren, wo SaFranko sagt: „Ich habe über Gewalt in Amerika nachgedacht, da ist mir das Wort sprichwörtlich in den Kopf geschossen. Dieses Wort gibt es ja nicht, aber es klingt interessant, und ich wollte es verwenden. Es suggeriert, dass Amerika in Bezug auf Gewalt ausser Kontrolle ist.“

Erfreulich: Bei Pulp Master werden weitere Romane von Mark SaFranko auf Deutsch erscheinen.

Wertung: 4,2 / 5

Mark SaFranko: Amerigone
(Original: Amerigone. 2020; [bisher] nicht erschienen)
Aus dem Englischen von Sepp Leeb. Mit einem Nachwort von Michael Grimm
Pulp Master, Berlin 2023. 279 Seiten, 16 Euro/ca. 23 Franken

Bestellen bei Amazon

 

Bild: Pulp Master

Mark SaFranko,

geboren 1950 in Trenton, New Jersey, besuchte die katholische Notre Dame High School in Lawrenceville. Schon als 18-Jähriger wollte er, beeinflusst von Henry Miller, Schriftsteller werden. Er arbeitete zunächst unter anderem als LKW-Fahrer, Kleiderverkäufer, Fastfood-Koch, Theaterschauspieler, Barmusiker, Büroaushilfe, Bankangestellter, Sportreporter und Telefonverkäufer.

Er veröffentlichte mehr als hundert Kurzgeschichten und schrieb etliche Romane, von denen in den USA nur die wenigsten erschienen sind. Vor allem in Frankreich werden seine Bücher veröffentlicht und hoch gelobt. Die jetzt erschienene deutsche Ausgabe von „Amerigone“ aus dem Jahr 2020 ist die Erstveröffentlichung dieses Romans.

Mark SaFranko ist auch Dramatiker, Schauspieler, Maler, Komponist und Musiker. Seine Stücke wurden an verschiedenen Bühnen in New York und in Irland aufgeführt. Als Schauspieler spielt er im Theater, in Filmen und auch in Werbespots. Als Musiker veröffentlichte er eine ganze Reihe von Alben. Er lebt in Hoboken, New Jersey.


Zurück
Zurück

Die 15 besten Kriminalromane des Jahres 2023

Weiter
Weiter

„Das Böse ist selten kompliziert. Es ist einfach nur beschissen dreist“