Showdown am Küchentisch
Der erste Satz
Risa steht am Herd, wärmt in der Eisenpfanne die übrig gebliebenen Hühnerschnitzel auf und heult dabei in ein fleckiges Geschirrtuch.
Krimi der Woche ∙ N° 23/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Eigentlich ist Risa eine gottesfürchtige junge Frau. Doch die Verwegenheit des notorischen Tunichtguts Saviero „Sav“ Franzone hat ihr so gut gefallen, dass sie sich nicht nur mit ihm einliess, sondern ihn auch heiratete. Spätestens seit vor acht Monaten ihr Sohn Fabrizio zur Welt gekommen ist, ist die Beziehung zwischen Risa und Sav lamentabel. Während sie sich liebevoll um den kleinen Fab kümmert, treibt sich dessen Vater als Kleinkrimineller herum und zeigt sich öffentlich mit seiner Geliebten, mit der er aus Brooklyn wegziehen will.
An einem Abend, an dem Risas Schwester Giulia zu Besuch ist, kommt Sav betrunken nach Hause und fuchtelt mit einer Pistole herum. Während er packen geht für seinen Wegzug mit der Geliebten, nimmt Giulia die Waffe, die er achtlos in der Küche liegengelassen hat, und versteckt sie in einem Beutel Erbsen im Tiefkühler. Als Sav die Pistole nicht mehr findet, rastet er aus. Er würgt Giulia. Risa greift zur noch warmen Eisenpfanne, in der sie eben noch Hühnerschnitzel gewärmt hat, packt sie mit beiden Händen, holt aus und lässt sie gegen Savs Kopf krachen. Der stürzt, schlägt dabei den Kopf an der Tischkante an. Er regt sich nicht mehr. Die Blutlache um seinen Kopf wird grösser.
Mit diesem blutigen Familiendrama, das sich am 16. August 1986 in der Saint of the Narrows Street in Gravesend, einem kleinen Viertel in Brooklyn, zuträgt, beginnt der sechste Roman des begnadeten amerikanischen Erzählers William Boyle. Der heute im Süden der USA lebende Autor ist in diesem Viertel aufgewachsen, das in allen seinen bisherigen Romanen den Schauplatz bildet. Raffiniert benutzt er die Gegend, die vorwiegend von italienischstämmigen Menschen bewohnt wird, als Mikrokosmos, in dem sich Dramen und Tragödien zutragen, kleine und auch mal grössere Verbrechen begangen werden, in dem gestritten, geliebt und gehasst wird. Es ist, wie einer denkt, der zuweilen vom Ausbruch träumt, eine „winzig kleine Welt in der großen Stadt“.
Und alles dreht sich um normale Menschen, die oft als „kleine Leute“ bezeichnet werden.
Wiewohl Boyles Werke Kriminalromane sind, geht es nie darum, dass Verbrechen aufgeklärt werden. Polizisten kommen – ebenso wie Mafiosi, dies im Quartier auch gibt – höchstens mal am Rande vor. Auch in „Heilige der Narrows Street“ bleibt die Polizei aussen vor. Mit der Hilfe eines Freundes aus der Nachbarschaft, der heimlich in Risa verliebt ist, begraben die Schwestern Savs Leiche in einem weit entfernten Wald.
Dass Sav einfach abgehauen ist, wie es sein älterer Bruder vor Jahren schon vorgemacht hat, glauben die Familie und die Nachbarn sofort. Nur seine Geliebte will das nicht glauben, ernst genommen wird sie aber kaum. Vergessen können die Schwestern den blutigen Abend nicht, aber mit den Jahren rückt er mehr und mehr in den Hintergrund. Bis fünf Jahre danach plötzlich Roberto auftaucht, der Bruder von Sav, von dem während vielen Jahren niemand etwas gehört hatte. Der glaubt die Geschichte nicht. Das Trio, das Robertos Bruder verscharrt hat, muss etwas unternehmen. „Das Schicksal hat ihnen einmal unter die Arme gegriffen. Dieses Mal müssen sie vielleicht dem Schicksal unter die Arme greifen“, denkt Giulia.
Die Geschichte erstreckt sich über insgesamt achtzehn Jahre, gegliedert in vier Teile, die jeweils nur einen oder zwei Tage beschreiben. Am Anfang steht das Wochenende des 16. und 17. August 1986: „Scheiß auf die Sakramente“, ist der Teil überschrieben. Teil 2, „Blut ist Blut“, spielt am Mittwoch, 20. Februar 1991, Teil 3, „In manchen Nächten scheint die Zukunft unmöglich zu sein“, am Freitag, 13. November 1998, und Teil 4, „So viel kann schiefgehen“, schliesslich am Samstag, 24. und Sonntag, 25. Juli 2004. Geschickt komprimiert Boyle in diesen kurzen Zeiträumen alles, was man wissen muss und will. Dabei erzählt er konsequent aus der Sicht seiner Protagonisten, deren Erlebnisse nach und nach zu einer immer grösseren Tragödie auswachsen.
Am Ende ist Fab, das Baby aus der Anfangssequenz, erwachsen. Und er macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Wobei sich ein Kreis schliesst: Fab kommt offenbar mehr nach seinem Erzeuger, den er nicht gekannt hat, als nach seiner Mutter.
Boyle versteht es auf stupende Weise, Personen knapp und stimmig zu charakterisieren. Dabei hilft ihm unter anderem auch die Liebe zur populären Kultur – er schreibt in Kulturmagazinen regelmässig nicht nur über Literatur, sondern auch über Filme und Musik: Filme, die eine Figur besonders mag, und Musik, die sie begleitet, sagen viel über sie aus. Schon sein Debüt „Gravesend“ (Deutsch 2018) war exzellent. Uns seither ist er von Roman zu Roman noch besser geworden. Die Plots werden noch stärker, die Erzählweise noch brillanter. Eindrücklich ist die Empathie für seine Protagonisten, man spürt, dass er seine Figuren liebt. Gleichzeitig zeigt er die unbarmherzige Härte, die ein Noir braucht. Und vor allem macht er aus seinen vordergründig „kleinen“ Geschichten aus einer bescheidenen Ecke einer Grossstadt grosse Literatur. „Heilige der Narrows Street“ ist ein Meisterstück.
Wertung: 4,9 / 5
William Boyle: Heilige der Narrows Street
Original: Saint of the Narrows Street. Soho Press, New York 2025)
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
Polar Verlag, Stuttgart 2026., 431 Seiten, 26 Euro/ca. 36 Franken
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Bild: Katie Farrell Boyle
William Boyle,
geboren 1978 im New Yorker Stadtteil Brooklyn, wo er auch aufgewachsen ist, studierte an der State University of New York in New Paltz. Seit 2012 lehrt er kreatives Schreiben an der University of Mississippi in Oxford, Mississippi.
2013 erschien sein erster Roman „Gravesend“ (Deutsch 2018 unter dem Originaltitel). Es folgte der Storyband „Death Don’t Have No Mercy“. Sein zweiter Roman „Everything Is Broken“ erschien 2017 unter dem Titel „Tout est brisé“ nur in Frankreich. Dort hatte Boyle schon mit seinem Debüt Furore gemacht: „Gravesend“ erschien 2016 in der renommierten, von Frankreichs Krimipapst François Guérif 1986 gegründeten Reihe Rivages/Noir als Band Nummer 1000. „The Lonely Witness“ (2018), Boyles dritter Roman, erschien 2019 auf Deutsch („Einsame Zeugin“), der vierte, „A Friend is a Gift You Give Yourself“ (2019) 2020 („Eine wahre Freundin“). „City of Margins“ (2020) erschien 2022 auf Deutsch unter dem Titel „Brachland“ , dann 2023 „Shoot the Moonlight Out“ (2021), der auf Deutsch den Originaltitel trägt. Sein sechster Roman „Saint of the Narrows Street“, liegt jetzt auf Deutsch unter dem Titel „Heilige der Narrows Street“ vor. Boyle schreibt auch regelmässig Artikel über Filme, Musik und Literatur für verschiedene Magazine.
Er lebte in den New Yorker Stadtteilen Brooklyn und Bronx, Upstate New York im Hudson Valley und in Austin, Texas, bevor er 2012 nach Oxford, Mississippi zog, wo er mit seiner Frau Katie Farrell Boyle und zwei Kindern – Eamon und Connolly Jean – lebt.