Hexenjagd in München

Der erste Satz
Kontrollfreak, sagt der Bodyscan.

Krimi der Woche ∙ N° 24/202z ∙ Hanspeter Eggenberger

Vor einem Jahr überraschte Susanne Kaiser mit dem Kriminalroman „Riot Girl“, dem Auftakt zu einer Reihe mit der Undercover-Ermittlerin Obalski. Jetzt liegt schon der zweite Titel vor, „Witch Hunt“, der dem Debüt in nichts nachsteht.

Obalski, kein Vorname, ist eine Polizeibeamtin, wie es sie im deutschsprachigen Krimi davor noch nie gab. Die Berlinerin arbeitet beim LKA Bayern in der „Sondereinheit Doppel-X“. Sie kombiniert Wissen aus Gender Studies, Forensik und psychologischem Profiling, was ihr ermöglicht, Menschen und ihre Verhaltensweisen zu lesen. In München wird sie Undercover eingesetzt. In „Riot Girl“ ging sie beim Jugendamt einer Protestbewegung junger Frauen nach, die offenbar nicht vor Gewalt zurückschreckt. In „Witch Hunt“ wird sie als angebliche Social-Media-Beraterin einer Landtagsabgeordneten, die massiv bedroht wird, tätig.

Neben der eigenwilligen Protagonistin, deren privates Leben auch nicht ohne Probleme ist, machen auch die Themenbereiche Kaisers Romane nicht nur spannend, sondern vor allem auch zeitgemässer als ein Grossteil der Bücher, die in den Krimiregalen der Buchhandlungen stehen. Noch mehr als im ersten Roman spielt in „Witch Hunt“ die digitale Welt, vor allem die sogenannten sozialen Medien, eine wichtige Rolle.

Die Abgeordneten Deniz Yanar, die für eine Umweltpartei im Bayerischen Landtag sitzt, ist seit kurzem einer rasch brutaler und bedrohlicher werdenden Hasskampagne im Internet ausgesetzt. Bei virtuellen Drohungen bleibt es jedoch nicht lange – bei einer Veranstaltung fallen Schüsse. Eine Richterin, die von den gleichen Kreisen beschimpft worden ist, wird tot aufgefunden. Obalski erkennt bald, dass die Angriffe gegen die Abgeordnete und ein paar andere Frauen persönlicher sind als die üblichen Beschimpfungen von Politikern. Hier ist offenbar eine eigentliche Hexenjagd im Gang, wie sie der Buchtitel schon andeutet.

Als Journalistin und Sachbuchautorin ist Susanne Kaiser das fundierte Recherchieren von Themen natürlich vertraut. Auch in ihren Romanen wirken, bei aller Fiktion der Story, die beschriebenen Themen realistisch. Neben den fiesen Machenschaften im Internet ist das hier insbesondere der Politbetrieb, für dessen Verständnis die Autorin eine Abgeordnete und ihr Team begleitete. Das führt aber nicht etwa zu belehrenden Erklärungen, sondern wird geschickt in die Geschichte verwoben, die undogmatisch feministisch geprägt ist. Auf den nächsten Einsatz von Obalski sind wir gespannt.

Wertung: 4,2 / 5

Susanne Kaiser: Witch Hunt
Wunderlich/Rowohlt, Hamburg 2026. 399 Seiten, 24 Euro/ca. 35 Franken

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Bild: Jonas Ruhs Photography

Susanne Kaiser,

geboren 1980 in Berlin, studierte Romanistik und promovierte 2014 an der Freien Universität Berlin über das postkoloniale Nordafrika. Nach einigen Jahren in der Wissenschaft, unter anderem an der UC Berkeley und an der Sapienza-Universität in Rom, ist sie seit 2014 als freie Journalistin, unter anderem für „Die Zeit“, „Der Spiegel“ und Deutschlandfunk Kultur, sowie als Buchautorin tätig. Sie beschäftigt sich insbesondere mit den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen in muslimischen und in westlichen Gesellschaften.

2018 veröffentlichte sie das Sachbuch „Die neuen Muslime“ (Promedia, Wien) über zum Islam konvertierte junge Menschen. 2020 folgte „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“ (Suhrkamp), 2023 folgte „Backlash – Die neue Gewalt gegen Frauen“ (Tropen Verlag). Mit dem Kriminalroman „Riot Girl“ debütierte sie 2025 im belletristischen Bereich. „Witch Hunt“ ist ihr zweiter Roman mit der Undercover-Ermittlerin Obalski.

Susanne Kaiser lebt mit ihrer Familie in München.


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