„Beim Geld geht es selten nur ums Geld“
Der erste Satz
Ich will einfach nur wieder unschuldig sein.
Krimi der Woche ∙ N° 32/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
El Dorado Drive – was für eine schöne Adresse: der Weg, der ins Land des Goldes führt. Doch es ist auch der Titel des neuen Romans der amerikanischen Noir-Autorin Megan Abbott. Und wir ahnen schon, bevor wir das Buch aufklappen, dass da nicht alles Gold sein wird, was vielleicht am Anfang schön glänzt.
Der El Dorado Drive liegt in Grosse Pointe, einem wohlhabenden Vorort von Detroit. Abbott ist dort aufgewachsen, doch den Ort verwendet sie zum ersten Mal als Schauplatz eines Romans. So glamourös die Adresse klingt, an der Pam Bishop wohnt, sie zählt nicht zu den gehobenen Gegenden. Die Villa am See musste Pam verlassen, nachdem der Niedergang der Autoindustrie die Region und unzählige Familien hart getroffen hat. Schon ihr Vater ist entlassen worden, da es „es für leitende Angestellte keine Jobs mehr gab, weil es keine Autoindustrie mehr gab“. Ihr Mann, der sich als Berater in der Industrie herumtrieb, setzte sich bald ab und plünderte davor noch die für die Kinder angelegten Konten.
Pam blieben Schulden. Ebenso ihren Schwestern. Debras Mann wurde krank, die Arztrechnungen stapeln sich. Die jüngste der Schwestern, Harper, ist die Hauptfigur in „El Dorado Drive“. Die Reitlehrerin hat den Ort nach einer gescheiterten Liebesbeziehung, die für sie mit einem Schuldenberg endete, verlassen. Sie hatte sich in eine wohlhabende Reitschülerin verliebt. Und sich mit 50'000 Dollar verschuldet, damit diese ihren Scheidungsanwalt anzahlen konnte. Doch dann entschied sich die Frau doch wieder für ihren reichen Mann.
Als Harper nach Grosse Pointe zurückkehrt, scheinen ihre Schwestern plötzlich im Geld zu schwimmen. Zuerst sieht Harper, dass Pam einen nigelnagelneuen Lexus fährt, dann das Debra mit perfekte Mèches im Haar schick zurechtgemacht ist. Bald wird die jüngste der Bishop-Schwestern in das Geheimnis des Geldsegens eingeweiht: „Das Rad“ sei ein Club von Frauen, die sich für den Wohlstand von Frauen einsetzten, erfährt sie. Es handelt sich jedoch um ein simples Schneeballsystem: Wer 5000 Dollar einzahlt, ist dabei. Wer genügend Neumitglieder angeworben hat, steigt in der Pyramide auf und erhält für den Einsatz schon bald das Fünffache zurück.
Klar, dass da strikte Verschwiegenheit Pflicht der Mitglieder ist. Doch dann wird Pam in ihrem Haus brutal ermordet. Nach einem missglückten Einbruch sieht es nicht aus. Zu Hause ist sie nur, weil ihr Mann ihr durch eine Freundin, die sich als Gerichtsmitarbeiterin ausgab, einen falschen Termin für die Scheidungsverhandlung angeben ließ. Und war Pams Tochter Vivian, die mit ihre im Dauerstreit lag, an diesem Vormittag wirklich in der Schule? Und was ist mit Pams Rivalinnen im „Rad“-Club?
Megan Abbott beginnt, wie wir es von ihr kennen und schätzen, die raffiniert aufgebaute Geschichte sachte, lässt einen aber fast wie beiläufig spüren, dass Unheil droht. Und leiser Humor begleitet den Weg in den Abgrund. In „El Dorado Drive“ kombiniert sie die Kriminalgeschichte mit Einblicken in ein Familienleben, zu dem Liebe ebenso gehört wie Neid, Eifersucht und Kontrollzwang. Gleichzeitig schildert sie bildhaft den Niedergang einer Region und was das mit den Betroffenen machen kann. Und vor allem geht es um Geld, über das die Bishop-Schwestern sich keine Gedanken machten, „bis keines mehr da war, und dann dachten sie an nichts anderes mehr.“ Und darum, dass es dabei um viel mehr geht als die Zahlen auf dem Kontoauszug. „Wenn du im Wohlstand aufwächst und dann alles wegbricht – und deine Eltern gleich mit –, geht es beim Geld nicht ums Geld. Es geht um Sicherheit, Freiheit, Unabhängigkeit, ein Versprechen von Ganzheit. All diese Fantasiebilder, Illusionen. Beim Geld geht es selten nur ums Geld.“
Wertung: 4,7 / 5
Megan Abbott: El Dorado Drive
(Original: El Dorado Drive. G. P. Putnam's Sons, New York 2025)
Aus dem Englischen von Peter Hammans
Pulp Master, Berlin 2026. 427 Seiten, 18 Euro/ca. 27 Franken
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Bild: meganabbott.com
Megan Abbott,
isgeboren 1971 in Detroit, Michigan, wuchs in Grosse Pointe auf, einem Vorort von Detroit, und studierte an der University of Michigan. An der New York University promovierte sie in englischer und amerikanischer Literatur. An der NYU unterrichtete sie in der Folge auch, ebenso an der State University of New York und an der New School University ebenfalls in New York.
Als Kind faszinierten sie Filme aus den 1930er und 1940er Jahren, die sie in einem Kino in Grosse Pointe sah. Diese weckten ihr lebenslanges Interesse an Crime Fiction. Ihre ersten Romane waren denn auch stark beeinflusst vom klassischen Film noir, während spätere Werke eher Psychothriller sind. Sie debütierte 2005 mit „Die a Little“. Bisher hat sie rund ein Dutzend Romane veröffentlicht. 2012 erschien „The End of Everything“ (2011) erschien auf Deutsch: „Das Ende der Unschuld“ (Kiepenheuer & Witsch), dann lange nichts mehr.
Dank dem auf Noir-Kriminalliteratur spezialisierten Berliner Kult-Verlag Pulp Master erscheinen nun mehrere Werke der mehrfach preisgekrönten Autorin endlich auf Deutsch. Den Anfang machte Verleger Frank Nowatzki 2023 mit dem Roman „The Turnout“ (2021), der auf Deutsch unter dem Titel „Aus der Balance“ erschienen ist. Es folgte „Dare Me“ (2012) unter dem Titel „Wage es nur!“ (2024) und „Beware The Woman“ (2023) als „Hüte dich vor der Frau“ (2025). Jetzt ist Abbotts neuerster Titel, „El Dorado Drive“ (Original 2025), erschienen. Angekündigt ist zudem „Queenpin“ (2007).
Megan Abbott ist auch Drehbuchautorin und TV-Produzentin. Sie wirkte als Autorin bei der Serie „The Deuce“ mit sowie als Autorin und Produzentin bei der TV-Version ihres Romans „Dare Me“. Auch „The Turnout“ soll verfilmt werden. Sie ist zudem Herausgeberin der Frauen-Krimi-Anthologie „A Hell of a Woman“ und Autorin des Sachbuchs „The Street Was Mine: White Masculinity in Hardboiled Fiction and Film Noir“ (2002).
Abbott ist verheiratet mit dem Schriftsteller Joshua Gaylord. Sie lebt im New Yorker Stadtteil Queens.