Die harte Polizistin, die Gefühle fürchtet
Der erste Satz
Keine zwanzig Minuten ist Nihal gelaufen, bevor sie diesmal ausgebremst wird.
Krimi der Woche ∙ N° 24/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Kim wer? Vor drei Jahren machte Kim Koplin mit dem Roman „Die Guten und die Toten“ Furore. Die deutschsprachige Krimiszene erging sich in Spekulationen, wer sich wohl hinter dem Pseudonym verberge. Sicher war nur, dass es jemand ist, der schreiben kann. Der temporeiche Berlin-Krimi um die Kripo-Kommissar-Anwärterin Nihal Khigarian mit aserbeidschanischen Wurzeln und den syrischen Flüchtling Saad mit seiner fünfjährigen Tochter Leila, der nicht die Schergen der syrischen Herrscher fürchtet, sondern die Killer eines Marseiller Drogenbosses, für den er gearbeitet hat, begeisterte. Und gewann den deutschen Krimipreis.
Jetzt geht die Geschichte der beiden aussergewöhnlichen Protagonisten mit „Die Toten von morgen“ weiter. Zum Erscheinen des zweiten Koplin-Krimis hat sich Edgar Rai als der Mann hinter dem Pseudonym geoutet. Ein versierter Schreiber, der unter seinem richtigen Namen sowie unter verschiedenen Pseudonymen und als Ko-Autor mit Hans Rath bisher insgesamt rund drei Dutzend Romane und ein paar Sachbücher veröffentlicht hat.
Fast noch mehr als im Vorgänger bildet die eigentliche Krimigeschichte, die mit einem originellen Plot, viel Action, ein paar Leichen, Kokain von 1A-Qualität in riesigen LED-Fernsehgeräten, allerlei Böswichten, korrupten und sauberen Polizisten, trockenem Humor und zuweilen etwas Situationskomik überzeugt, den unterhaltsamen Hintergrund für die Beziehungsgeschichte von Nihal und Saad. Die Polizistin und der Kriminelle – geht doch nicht! Widerspricht auch Nihals Prinzipien. Und Nihal kann eigentlich mit niemandem wirklich – Gefühle machen der sonst total furchtlosen Polizistin Angst, Kontrollverlust macht sie panisch. Aber irgendwie können sie nicht ohneeinander. Leila kann und will gar nicht ohne Nihal, die sie zur Ersatzmutter erkoren hat (die leibliche Mutter ist Marseille Opfer des Drogenbosses geworden).
Leila ist es denn auch, die Saad dazu bewegt, aus Hamburg nach Berlin zurückzukehren. Dahin zogen sie, nachdem die Marseille-Connection herausgefunden hatte, dass er in Berlin lebt. Und einen Killer schickte, der aber nie mehr am Mittelmeer auftauchte. Der Marseiller Boss will sich seither erst recht rächen für Saads fehlende Loyalität. Der Berliner Boden ist immer noch heiss für den Vater und seine Tochter.
Rai/Koplin nutzt seine Schauplätze auf die Schattenseiten der deutschen Hauptstadt gerne auch für muntere Seitenblicke und -hiebe. Saad fühlt sich gleich zu Hause, als er am U-Bahnhof Osloer ankommt: „Es riecht nach Hundescheiße, Menschenpisse, schlecht verbranntem Diesel und dem Grillfleisch vom Hakiki-Imbiss. Willkommen zu Hause.“ An der Adenauerallee macht er sich Gedanken über die Deutschen: „Die Deutschen lieben Kontinuität. Adenauer, Kohl, Merkel. 3 nach 9, Wetten dass …?, Tatort. Es nimmt ihnen die Angst. Gibt ihnen das Gefühl, dass alles stabil bleibt, wie es ist.“ Dann erreicht er die Strasse, in der er noch seine kleine Wohnung hat: „Die Sonne nagelt senkrecht auf die Drontheimer. Der Asphalt blendet wie eine Verheißung. Musst du erst mal hinbekomme in dieser Gegend. Die einzige Verheißung, die die Drontheimer sonst bereithält, ist ein Leben an der Armutsgrenze.“
Die Beispiele zeigen: Die Sprache ist hart und direkt, zielt fadengerade dorthin, wo es weh tut, hält sich nicht mit gepflegten Erklärungen auf. Das Bild, das Rai/Koplin von Berlin zeichnet, wird derzeit nur von Johannes Groschupf getoppt. Der zweite Koplin ist so gut wie der erste. Dass die Begeisterung darüber vielleicht nicht mehr ganz so gross ist wie beim ersten, liegt einzig daran, dass die Überraschung weg ist: Man weiss jetzt, was einen erwartet, wenn Kim Koplin auf dem Buchumschlag steht. Und wer es noch nicht weiss, sollte sich überraschen lassen.
Wertung: 4,4 / 5
Kim Koplin: Die Toten von morgen
Suhrkamp, Berlin 2026. 270 Seiten, 18 Euro/ca. 26 Franken
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Bild: edgarrai.de
Kim Koplin
ist ein Pseudonym von Edgar Rai, geboren 1967 im hessischen Hinterland. Er studierte Musikwissenschaften und Anglistik in Marburg und Berlin. Laut dem Aufbau-Verlag, wo viele seiner Bücher erschienen sind, arbeitete er „unter anderem als Drehbuchautor, Basketballtrainer, Chorleiter, Handwerker und Onlineredakteur“. Seit 2001 ist er als Schriftsteller, Übersetzer und Drehbuchautor tätig.
Rais erster Roman „Ramazzotti“ (Aufbau) erschien 2001; seither hat er unter seinem richtigen Namen zahlreiche Bücher, mehrheitlich Romane, bei verschiedenen Verlagen (Aufbau, Rütten & Loening, dtv, Kiepenheuer & Witsch, Ullstein u.a.) veröffentlicht. Zusammen mit Hans Rath schrieb er die vierteilige Krimireihe „Bullenbrüder“ (Wunderlich/Rowohlt), zudem mit Hans Rath unter dem gemeinsamen Pseudonym Moritz Matthies eine zehnteilige Reihe mit den Erdmännchen Rufus und Ray (Scherz/Fischer, dtv). Als Leon Morell publizierte er den historischen Roman „Der sixtinische Himmel“ (Scherz). 2023 erschien „Die Guten und die Toten“ (Suhrkamp) unter dem Pseudonym Kim Koplin; der Kriminalroman wurde mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet und wird von Netflix als Miniserie verfilmt. Jetzt liegt die Fortsetzung, „Die Toten von morgen“ (Suhrkamp), vor
Edgar Rai lebt in Berlin, wo er 2003 bis 2008 an der FU als Dozent kreatives Schreiben lehrte und seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai ist.