Sie hält keinen Feind für besiegt, bevor er tot ist
Der erste Satz
Stell dir die Generationen als eine Kette vor, bei der ein Glied ins nächste greift und alle – selbst diejenigen, die am weitesten auseinanderliegen – für immer untrennbar verbunden sind.
Krimi der Woche ∙ N° 37/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Im Viertel »Little Canada« in der Kleinstadt Waterville im US-Bundesstaat Maine leben die Nachkommen frankokanadischer Einwanderer. Sie sprechen untereinander teils noch Französisch und sind Katholiken. Dort ist der amerikanische Roman- und Drehbuchautor Ron Currie aufgewachsen. In seinem vierten Roman, „The Savage, Noble Death of Babs Dionne“, erweist er seiner Herkunft die Ehre. Mit dem deutschen Titel „Die Patin von Maine“ und einem Pressezitat auf dem Umschlag preist der Verlag das Buch quasi als „Der Pate“ mit einer Frau als Protagonistin an. Was kaum der Idee des Autors entspricht. „Das Coole an dieser Geschichte ist, dass der Thriller ein Trojanisches Pferd ist“, sagt er in einem Interview. „Man kommt wegen der Verbrechen und des Blutvergießens und bleibt wegen der Geschichtsstunde darüber, wie es ist, Französisch und Katholik in einem protestantischen, englischsprachigen Staat zu sein.“ Tatsächlich mischt er in dem Thriller ein Stück wenig bekannte amerikanische Immigrationsgeschichte mit Elementen von Gangsterstory, Familiensaga und Sozialstudie aus der Arbeitswelt. Dies aber ohne zu dozieren und langweilig zu werden.
(Ein Einschub zu dieser Immigrationsgeschichte – für die, die es interessiert.
Im 17. Jahrhundert wanderten zahlreiche Französinnen und Franzosen, vor allem aus dem Norden Frankreichs, nach Amerika aus, wo sie sich in der damaligen nordamerikanischen Kolonie Acadia [deutsch Akadien, französisch Acadie] niederließen. 1755 begannen die britischen Kolonialherren, die französischsprachigen Acadiens gewaltsam zu vertreiben, weil sie sich weigerten, den britischen Eid abzulegen und auf Neutralität beharrten. Tausende flohen in alle Welt, auch in andere britische Kolonien und in die Karibik. Eine große Zahl ließ sich im heutigen US-Bundesstaat Louisiana, damals eine spanische Kolonie, nieder, wo ihre Bezeichnung Acadiens zu Cajuns verballhornt wurde. Bis heute pflegen die Cajuns im US-Süden ihre eigenen, höchst interessanten Sprach-, Musik- und Küchenkulturen.
Aus Interesse an ihrer Musik habe ich mich ein bisschen mit der Geschichte der Cajuns befasst. Dass Acadiens auf ihrem Weg aus dem heutigen Québec in Kanada nach Süden nicht erst am Golf von Mexiko sesshaft wurden, sondern auch an anderen Orten in den USA – wie eben in Waterville, Maine, gar nicht weit von der Grenze zu Kanada entfernt – niedergelassen haben, habe ich erst durch diesen Roman von Ron Currie, dessen Vorfahren Acadiens waren, erfahren.)
Dass die „Franzosen“ die Underdogs sind, erlebt Babs Dionne schon als Kind. Polizisten bedienen sich im Laden ihres Onkels, ohne zu bezahlen. Und ein Polizist, den sie deswegen zur Rede gestellt hat, vergewaltig sie, als sie 14 ist. Sie ersticht ihn. Der katholische Pfarrer schickt sie in ein Kloster, damit sie einer Strafe entgeht. Erwachsen geworden kehrt sie zurück. Und will sich nichts mehr gefallen lassen. Der Groll sitzt tief, geht zurück bis in die Kindheit: „Sie hatte nie verziehen, dass sie zur Strafe ,Ich spreche im Unterricht kein Französisch‘ an die Tafel schreiben musste, bis das Kreidestück in ihren Fingern zu einem Stummel geschrumpft war.“
Inzwischen herrscht sie als Matriarchin und Grossmutter über einen Teil von Waterville. Mit ihren Töchtern und alten Freundinnen betreibt sie einen lukrativen Drogenhandel. Seit sie als Jugendliche meinte, es habe gereicht, dem diebischen Polizistin die Leviten zu lesen, hat sie nie mehr den Fehler begangen, einer ihrer zahlreichen Feinde für besiegt zu halten, bevor er tot war. Auch ihre Freundinnen hat Babs im Griff. Ihr Wort ist in Little Canada Gesetz. Bei den Töchtern ist es schwieriger. Sis ist drogensüchtig. Und auch Lori, die nach Einsätzen in Afghanistan traumatisiert ist, hält das Leben ohne Drogen kaum mehr aus.
Auch sonst schwelt allerlei in der Familie. Der Vater von Sis’ Sohn ist ein Säufer und verprügelt nicht nur seine Frau, sondern auch Babs’ Enkel, der ihr Liebling ist. Dann stellt auch noch ein Drogenboss aus Kanada fest, dass der Absatz seiner Ware in der Gegend eingebrochen ist. Er will die Konkurrenz ausfindig machen und ausschalten. Sowohl ihre Familie wie ihr Geschäft sind bedroht, Babs’ Macht bröckelt. Aber sie bleibt hart, will sich immer noch nichts gefallen lassen.
Das ist starker Stoff, und er ist hervorragend erzählt: sehr empathisch und zuweilen brutal, gewürzt mit schwarzem Humor. Zudem ist die Geschichte unglaublich vielschichtig. Neben dem eigentlichen Thriller-Plot um die knallharte Matriarchin und ihr Drogenbusiness, der während ein paar Sommertage im Jahr 2016 spielt, gibt es mehrere weitere Themen und Ebenen, die damit verzahnt sind. Zum einen die erwähnte Immigrationsgeschichte. Die Bestrebungen, den Frankoamerikanern – wie sich französisch-kanadische Nachkommen analog zu den Afroamerikanern nennen – ihr „Französischsein“ auszutreiben. Dann die sozialen Unterschiede: in Little Canada die Armen, die Arbeiter; auf den Hügeln die Reichen. Für die Unterschicht gibt es kaum noch Arbeit, seit die große Papiermühle, die die Umwelt vergiftete und die Anwohner krank machte, 1997 geschlossen wurde – keine Fiktion: die im Roman mit ihrem richtigen Namen, Hollingsworth & Whitney, genannte Fabrik, die 1892 eröffnet wurde, gab es tatsächlich. Wie so vieles anderes in dem Roman auch. Etwa den Horror, den Lori als Mitglied amerikanischer Marines-Truppen in Afghanistan erlebte. Immer wieder ein Thema ist zudem die Drogensucht, zu der Currie verschiedene Aspekte anschaulich in seine Geschichte einfliessen lässt. Zum Beispiel so:
Von hundert Junkies, die sich zum x-ten Mal entschließen, den Drogen abzuschwören, gehen fünf in eine Entzugsklinik. Gesetzt der Fall, sie verfügen über die nötigen Voraussetzungen wie zum Beispiel eine Krankversicherung und Menschen, die sich nicht bloß einen Dreck um sie scheren. Weitere zehn oder fünfzehn begeben sich in die nächste Notaufnahme, um dann auf einer unterfinanzierten Entgiftungsstation im fünften Stock eines unterfinanzierten öffentlichen Krankenhauses zu landen, wo sie in Gesellschaft von Schizophrenen, Säufern und wohlmeinendem, aber abgestumpftem Personal eine Woche lange sabbern, weinen und zittern, bevor man ihnen viel Glück wünscht und die Adresse einer Methadon-Klinik gibt. Die verbleibenden achtzig quälen sich schwitzend durch fünf oder sechs Stunden Abstinenz, bis die apokalyptischen Reiter des Entzugs über sie herfallen. Ehe man sich versieht, sind alle achtzig bereit, für einen Schuss ihre eigenen Mütter auszurauben und stante pede wieder aufs Suchtkarussell zu springen, das sich weiter munter im Kreis herumdreht.
Auf rund vierhundert Seiten kommt eine Fülle von Material zusammen, mit dem sich locker eine ganze Fernsehserie bestreiten lässt. Tatsächlich sind die Duffer-Zwillinge Matt und Ross, auf deren Mist der Serienhit „Stranger Things“ gewachsen ist, bereits daran, aus der Babs-Dionne-Saga eine Netflix-Serie zu entwickeln. Autor Ron Currie soll zusammen mit Joshua Mohr, der ebenfalls Schriftsteller und TV-Autor ist, das Drehbuch schreiben; Currie und Mohr haben bereits bei anderen Fernsehprojekten zusammengearbeitet.
Die Geschichte von Babs Dionne ist noch längst nicht auserzählt. Ein zweiter Band ist in den USA erschienen und wird im März 2027 unter dem Titel „Wir wollen euch bluten sehen“ auf Deutsch erscheinen. Offenbar eine Art Prequel: Während der erste Band, abgesehen von ein paar Blicken in die Vorgeschichte, 2016 spielt, blendet der zweite zurück ins Jahr 1984. Ich bin gespannt darauf.
Wertung: 4,4 / 5
Ron Currie: Die Patin von Maine
(Original: The Savage, Noble Death of Babs Dionne. G. P. Putnam’s Sons, New York 2025)
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
btb, München 2026. 425 Seiten, 17 Euro/ca. 26 Franken
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Bild: Tristan Spinski / Penguin/btb
Ron Currie,
geboren 1975 in Waterville, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine, ist dort im frankoamerikanischen Quartier „Little Canada“ aufgewachsen; seine Vorfahren, ursprünglich aus Frankreich, waren aus dem kanadischen Québec in die USA gekommen. Er studierte an der Clemson University in South Carolina, brach das Studium aber vor dem Abschluss ab.
Sein erstes Buch, „God is Dead“ (2007), eine Sammlung von Kurzgeschichten, erhielt viel Kritikerlob und wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein erster Roman „Everything Matters“ (2009) stand auf mehreren renommierten Listen der Bücher des Jahres und wurde mit dem Alex Award der American Library Association geehrt. Es folgten die Romane „Flimsy Little Plastic Miracles“ (2013) und „The One-Eyed Man“ (2017).
„The Savage, Noble Death of Babs Dionne“ (2025) ist jetzt sein erstes Buch, das ins Deutsche übertragen wurde: „Die Patin von Maine“. Eine Fortsetzung, „We Will See You Bleed“ (2026), wird im März 2027 unter dem Titel „Wir wollen euch bluten sehen“ auf Deutsch erscheinen. Ron Currie ist auch als Drehbuchautor tätig, so unter anderem für die Apple-TV+-Serie „Extrapolations“. Seine Babs-Dionne-Saga ist zurzeit mit seiner Mitwirkung in der Drehbuchphase für eine Netflix-Serie.
Ron Currie unterrichtet im Rahmen des Stonecoast-MFA-Programms für Kreatives Schreiben an der University of Southern Maine in Portland, Maine, wo er auch lebt.