Sie will Rache für tödliches Cybermobbing

Der erste Satz
Als Nga-Yee um acht Uhr morgens ihre Wohnung verliess, ahnte sie nicht, dass sich an diesem Tag ihr Leben für immer verändern würde.

Krimi der Woche ∙ N° 13/2021 ∙ Hanspeter Eggenberger

Nga-Yee kann nicht glauben, dass sich ihre kleine Schwester Siu-Man selbst aus dem Fenster gestürzt hat. Doch die polizeilichen Ermittlungen bestätigen: Suizid. Doch wieso hat sich die vierzehnjährige Schülerin getötet? Was – oder wer – hat sie dazu getrieben?

Siu-Man war vor einiger Zeit in der U-Bahn sexuell belästigt worden. Ein Mann wurde dafür zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt. Doch dann wurde Siu-Man im Internet beschuldigt, den Vorfall erfunden zu haben. Das angeblich brave Mädchen sei eine durchtriebene Schlampe. Sogleich stand die Schülerin mitten in einem Shitstorm. Den gleichen anonymen Absender hatten auch die letzten Nachrichten, die Siu-Man vor ihrem Sprung in die Tiefe sagten, sie hätte „kein Recht, weiterzuleben“

Nga-Yee, die sich seit dem Tod der Eltern um ihre kleine Schwester gekümmert hat, will wissen, wer für das Cybermobbing und damit deren Tod verantwortlich ist. Und sie will Rache. Davon erzählt der aus Hongkong stammenden Autor Chan Ho-kei, der 2018 mit „Das Auge von Hongkong“ Furore machte, in seinem neuen Roman „Die andere Schwester“. Der Autor, der Computerwissenschaften studiert und als Programmierer und Computerspielentwickler gearbeitet hat, führt uns in seinem fast 600 Seiten starken Wälzer nicht nur erneut durch seine Heimatstadt (die er vor Jahren verlassen hat; er lebt in Taiwan), sondern nimmt uns vor allem mit auf einen Höllentrip in die Tiefen des Internets.

Ein geheimnisvoller Hacker, der sich nur N nennt, übernimmt von Nga-Yee gegen alles Geld, das sie besitzt, den Auftrag, die Personen zu finden, die Siu-Man in den Tod getrieben haben. Kundig, aber nicht dozierend und immer spannend beschreibt der Autor die Möglichkeiten, wie man sich im Internet anonym und mit falschen Identitäten bewegen kann. Und wir erfahren viel über neue Überwachungstechnologien. Dabei bleibt die raffiniert geplottete, wendungsreiche Story immer packend und unterhaltsam.

Nga-Yee fragt sich schliesslich, ob sie wirklich geglaubt hat, die Frucht ihrer Rache wäre süss. Und während sie, die in einer Bibliothek arbeitet, mit grossen Augen in die ihre fremde digitale Welt blickt, weiss der Hacker N nicht nur, wie es im Internet läuft, sondern auch allgemein in Hongkong – und in der Welt: „Wir reden ständig über Anstand und Moral, aber sobald wir Gefahr laufen, zu verlieren, was wir haben, fallen wir augenblicklich zurück auf die Stufe von ‹Survival of the fittest›. Das liegt in der menschlichen Natur. Noch schlimmer, wir tun nichts lieber, als Ausreden zu finden – wir haben nicht den Mut, zu unserem Egoismus zu stehen. Heuchelei, mit einem Wort gesagt.“

Übersetzt wurde der Roman – leider, denn jede Übertragung führt zwangsläufig zu kleinen Veränderungen – nicht aus dem chinesischen Original, sondern aus der englischen Übersetzung.

Wertung: 4 / 5

Chan Ho-kei: Die zweite Schwester
(aus dem chinesischen Original [Crown Publishing, Hongkong 2017] ins Englische übersetzt von Jeremy Tiang: Second Sister, Grove Press/Black Cat, New York 2020)
Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld
Atrium Verlag, Zürich 2021. 592 Seiten, 25 Euro/ca. 35 Franken

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Bild: Luke Huang

Chan Ho-kei.

geboren 1975 in Hongkong, studierte Informatik (Computer Science) an der Chinesischen Universität Hongkong. Er war als Programmierer, Computerspielentwickler und Manga-Redaktor tätig.

2008 begann er, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Sein erster Kriminalroman wurde 2011 in Japan ausgezeichnet und erschien ausser in China, Taiwan und Japan auch in Thailand und Italien. 2014 erschien sein zweiter Roman, der sich aus sechs Kriminalgeschichten um den Hongkonger Polizeiinspektor Kwong zusammensetzt. Er wurde vom Singapurer Schriftsteller Jeremy Tiang ins Englische übersetzt und erschien dann auch in mehreren anderen Sprachen, 2018 unter dem Titel „Das Auge von Hongkong“ auch erfolgreich auf Deutsch. „Die zweite Schwester“ ist der zweite Kriminalroman von Chan Ho-kei. Die deutsche Fassung basiert wiederum auf der Übersetzung ins Englische durch Jeremy Tiang.

Chan Ho-kei wurde für seine Werke in Asien mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Er lebt schon seit mehreren Jahren nicht mehr in Hongkong, sondern in Taiwan.


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