Sie trinken Wodka, weil der nicht nach Verzweiflung riecht

Der erste Satz
„Sterbe ich?“

Krimi der Woche ∙ N° 24/2023 ∙ Hanspeter Eggenberger

Brant und Roberts sind das Duo infernal der Londoner Polizei. Tom Brant – Roberts ist der einzige, der ihn Tom nennen darf – ist Detective Sergeant, und weiter wird er es nicht mehr bringen. James Roberts ist sein direkter Vorgesetzter im Rang eines Chief Inspectors. Die beiden ziehen es schon mal vor, Missetäter definitiv zu erledigen, statt der Justiz zu überlassen.

Brant und Roberts sind die Protagonisten einer siebenteiligen Romanreihe des irischen Noir-Altmeisters Ken Bruen, die 1998 bis 2007 erschienen ist. Er zeichnet darin drastisch das Bild einer weitgehend verkommenen und korruptem Polizei in London, wo er damals lebte. Fünf Bände sind bereits auf Deutsch erschienen, jetzt liegt der dritte Titel der Reihe vor: „McDead“, ausstehend ist nun nur noch siebente.

Diesmal wird es für Roberts persönlich. Sein Bruder wurde von einem Gangster so verprügelt, dass er daran starb. Roberts hat seinen Bruder zwar seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, doch für ihn ist klar: Der Gangster muss dran glauben. Und sein Kollege und Saufkumpan Brant würde ihm dabei helfen.

Dran glauben muss auch ein Serienvergewaltiger, dessen Opfer schwarze Frauen sind. Er stürzt im Gerangel, als er geschnappt wird, in sein eigenes Messer. Steht jedenfalls so im Bericht. Auch wenn WPC Falls, die als schwarze Polizistin den Lockvogel machen musste, das etwas anders gesehen hat. Roberts findet, sie sollte Brant dankbar dafür sein, dass er ihr das Leben gerettet habe.

Bei einem Gespräch in der Kantine erklärt Brant der Kollegin, warum er an ihr kein persönliches Interesse hat und nur mit „Tussen“ Sex hat: „Ich hab kein Problem damit, dass Frauen reden. Das strukturiert die Zeit. Aber ich hasse es, wen Frauen glauben, sie hätten etwas zu sagen.“ Sexismus ist nur eine der dunkeln Seiten von Brant und Roberts. Sie sind auch gewalttätig und korrupt, sie klauen, spinnen Intrigen und sie lügen. „Chief Inspector Roberts war Profi, unter anderem auch Profi-Lügner. Das lernte man nicht auf der Polizeischule. Nein, das brachten Beförderungen mit sich.“ Die weiblichen Cops ihrerseits lassen sich nicht alles gefallen und verpassen einem übergriffigen Kollegen schon mal einen Denkzettel, der für ihn nicht nur peinlich, sondern auch schmerzhaft ist.

Gewalttätige Londoner Polizisten waren in den Neunzigerjahren ein wiederkehrendes Skandalthema – und auch noch heute hören wir immer wieder von schlimmen Fällen. Mit seiner Brant-und-Roberts-Serie nahm sich Bruen dieses Themas literarisch an. Das ist tiefdüster und zuweilen irrwitzig. Aber, wie üblich bei Bruen, immer auch witzig, wobei der Humor tiefschwarz ist, und voller brillanter Dialoge. Oft lakonisch im Ton, alleweil ironisch und immer wieder ziemlich sarkastisch. Und wie immer bei Bruen gibt es kulturelle Verweise, von Popkultur bis Hochkultur. Er zitiert die Seventies-Band Smokie („Living Next Door to Alice“) ebenso wie den Philosophen Jean-Paul Sartre.

Zuweilen gibt es selbst bei den bösen Bullen Anzeichen von Melancholie, von Verzweiflung gar. Die sie aber gut verstecken. Und runterspülen. „Brant und Roberts waren im Pub. Tranken Wodka, weil der nicht nach Verzweiflung riecht, wenigstens am Anfang nicht.“

Wertung: 4,1 / 5

Ken Bruen: McDead
(Original: The McDead, The Do-Not Press, London 2000)
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Mit einem Nachwort von Peter Henning
Polar, Stuttgart 2023. 140 Seiten, 16 Euro/ca. 23 Franken

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Bild: PD

Ken Bruen,

geboren 1951 in Galway, Irland, promovierte am Trinity College in Dublin über „Metaphysik im urbanen Umfeld“. Er unterrichtete während 25 Jahren Englisch in Japan, Afrika, Südamerika und Südostasien. 1979 wurde er in Rio de Janeiro nach einer Kneipenschlägerei festgenommen und verbrachte vier Monate im Gefängnis.

Seit 1993 veröffentliche er mehr vierzig Bücher, und er gilt im englischen Sprachraum als einer der wichtigsten Vertreter des „Irish Noir“. Im deutschen Sprachraum ist er vor allem für seine schräge Serie um den irischen Ermittler und schweren Alkoholiker Jack Taylor bekannt (bis heute 16 Bände, die ersten 9, sind ins Deutsche übersetzt von Harry Rowohlt, im Atrium Verlag erschienen), die Vorlage für eine TV-Serie war. Auf einem Roman von Bruen basierte die in Schweden produzierte TV-Serie „100 Code“, und zwei weitere Romane wurden fürs Kino verfilmt. Er schrieb zusammen mit dem bekannten amerikanischen Autor Jason Starr auch vier Romane um Max Fisher und Angela Petrakos (2006 bis 2016; die ersten drei Bände sind bei Rotbuch auf Deutsch erschienen).

Die Serie um Inspector Brant, deren dritter Band „The McDead“ jetzt auf Deutsch vorliegt („McDead“), umfasst sieben Romane, die im Original von 1998 bis 2007 erschienen sind. Auf Deutsch liegen jetzt sechs Titel vor (Polar Verlag).

Ken Bruen ist verheiratet und hat eine Tochter. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren wieder in der Stadt, in der er geboren wurde, der Hafenstadt Galway an der irischen Westküste.


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