Die Meisterdiebin
Der erste Satz
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Krimi der Woche ∙ N° 09/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Der grosse Meister der australischen Kriminalliteratur, Garry Disher, wird in diesem Jahr 77 Jahre alt. Und immer noch erfreut er uns Jahr für Jahr mit frischem Stoff, der so tiefgründig und unterhaltsam ist, wie eh und je. Sein neues Werk „Zuflucht“ ist sogar einer seiner besten Kriminalromane. Darin begegnen wir keinem seiner Serienhelden, weder Inspector Challis noch Constable Hirschhausen noch dem Profiverbrecher Wyatt. Die neue Protagonistin nennt sich Grace, solange sie nicht mit einer neuen Identität untertauchen muss. (Wobei die Figur nicht absolut neu ist; sie war, wie der mit Disher persönlich und mit seinem Werk vertraute Kritikerkollege Alf Mayer weiss, eine Nebenfigur im Challis-Krimi „Leiser Tod“.) Grace ist eine Berufskollegin von Dishers Wyatt. Sie ist vielleicht nicht so abgebrüht wie er, aber sehr taff. Genauso umsichtig wie er plant sie ihre Raubzüge detailliert und unter Berücksichtigung aller möglichen Eventualitäten. Und sie sorgt vor für die Zeiten, in denen es für sie brenzlig wird.
Von solchen Situationen, in denen sie ihren aktuellen Lebensraum Hals über Kopf aufgeben muss, hat Grace im Moment ein bisschen genug. Sie sehnt sich nach einem unkomplizierten Leben ohne grosse Risiken. Auch wenn sie einer interessanten Gelegenheit, ein paar wertvolle Stücke aus einer Villa mitlaufen zu lassen, schwer widerstehen kann. In einer Kleinstadt findet sie die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen: Sie wird Assistentin einer Antiquitätenhändlerin. Ihre Chefin, zu der sie rasch ein freundschaftliches Verhältnis hat, scheint etwas ängstlich und nervös zu sein. Er ist viel später wird Grace klar, dass sie bei einer Frau untergetaucht ist, die selbst untergetaucht ist. Wenn auch aus anderen Gründen – sie versteckt sich vor ihrem gewalttätigen Exmann.
Beide Frauen werden verfolgt, was sie voreinander jedoch geheim halten. Bei Grace ist es unter anderem ein Jugendfreund, der mit ihr noch eine Rechnung offen hat, der selbst auch verfolgt wird von einem Mann, der sich rächen will, weil er ihn übers Ohr gehauen hat. Dann natürlich die Polizei. Und ein pensionierter Polizist aus der Gegend, dem sie geholfen hat, als sie zufällig dazukam, als er bös verprügelt wurde, ist ihr auf den Fersen – nicht nur, um ihr zu danken, er sieht auch einen Zusammenhang mit einem Raubzug an jenem Tag.
Raffiniert legt Garry Disher verschiedene Erzählstränge aus, entwirft gekonnt diverse Lebensgeschichten, die sich parallel entwickeln, einzelne Stränge kommen sich mal näher, berühren sich auch mal, ehe einige der Figuren hart aufeinanderprallen. Im Lauf der sich dramatisch entwickelnden Geschichte erinnert sich Grace auch an ihre schwierige Kindheit und Jugend, in der sie früh kriminell und von einem Polizisten benutzt und ausgebeutet wurde. Heute macht ihr, versteckt hinter der harten Fassade, das unstete Leben, das durch Misstrauen und Einsamkeit geprägt ist, zunehmend Mühe. Doch aussteigen ist schwierig, wenn einen die eigene Geschichte immer wieder einholt.
Wertung: 4,8 / 5
Garry Disher: Zuflucht
(Original: Sancturary. The Text Publishing Company, Melbourne 2024)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Unionsverlag, Zürich 2026. 329 Seiten, 24 Euro/ca. 32 Franken
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Bild: Darren James
Garry Disher,
geboren 1949 in Burra, South Australia, ist auf einer Farm in Südaustralien aufgewachsen und wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Er studierte zunächst Geschichte an der Adelaide University und bereiste dann Europa und Afrika. Nach der Rückkehr schrieb er eine Masterarbeit an der Monash University. Gleichzeitig begann er Kurzgeschichten zu schreiben, und er erhielt ein Stipendium für ein Creative Writing Fellowship an der Stanford University. Während vielen Jahren lehrte er in Melbourne neben seiner schriftstellerischen Arbeit kreatives Schreiben.
Inzwischen ist er längst einer der bekanntesten australischen Schriftsteller. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, neben Kriminalromanen auch andere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher zur Geschichte Australiens und über das Schreiben. 1996 wurde sein Roman „The Sunken Road“, der auf Deutsch nicht erschienen ist, für den Booker Prize nominiert.
Zu Dishers Krimis zählen insbesondere drei herausragende Serien. Bisher sieben Bände (Deutsch im Unionsverlag) umfasst die Serie mit Inspector Challis, der auf der Mornington-Halbinsel arbeitet. In der 1991 gestarteten Reihe um den Berufsverbrecher Wyatt (Deutsch bei Pulp Master) sind bisher neun Bände erschienen. Seit 2020 gibt es die Serie mit dem aufs Land verbannten Polizisten Paul „Hirsch“ Hirschhausen, in der bisher vier Titel erschienen sind.
Mehrere von Dishers Krimis waren auf der Shortlist für den Ned Kelly Award, den wichtigsten Krimipreis Australiens, den er für zwei Bücher und schliesslich auch für sein Gesamtwerk gewann. Seine Bücher erscheinen auch in den USA und in Grossbritannien sowie in mehreren anderen Sprachen. Vor allem im deutschen Sprachraum sind sie sehr erfolgreich.
Garry Disher lebt auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.