Die Spione kehren zurück in die Literatur

Der erste Satz
Als die MIG-29 sich auf der Backbordseite ins Blickfeld schob, gerade mal fünfzig Meter von ihm entfernt, war Passagier Anton Basmanny auf Platz 12A nicht sonderlich überrascht.

Krimi der Woche ∙ N° 12/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger

Nach dem – wenigstens „offiziellen“ – Ende des Kalten Krieges ist der klassische Agentenroman mehr und mehr aus der Mode gekommen. Ob es an der – entgegen dem Klimawandel – sich zunehmend abkühlenden politischen Grosswetterlage liegt, dass die Spione zwischen Buchdeckeln wieder Konjunktur haben? Der Niederländer Charles ten Tex macht mit seinen ausgezeichneten „Repair Club“-Romanen mit dem Ex-Agenten John Antink Freude, der Brite Nick Harkaway erweckte den von seinem Vater John Le Carré geschaffenen George Smiley zu neuem Leben, und der in Ungnade gefallene ehemalige dänische Geheimdienstler Lars Findsen hat sich mit dem Bestsellerautor Jacob Weinreich für einen Thriller über die Machtkämpfe um Grönland zusammengetan, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Und dann ist da Michael Idov, ein aus Lettland stammender Amerikaner, der unter sowjetischer Herrschaft in Riga aufgewachsen ist, nach der Flucht der Familie in den USA studiert hat, dort Journalist wurde und Autor von Romanen und Drehbüchern. Seine frühen Bücher hat er auf Englisch und auf Russisch veröffentlicht, seit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine schreibt er nicht mehr auf Russisch – dies so lange Putin an der Macht ist, wie er erklärte.

Um das unheilvolle Wirken der russischen Geheimdienste geht in seinem ersten Agententhriller „Das Riga-Komplott“ (Original: „The Collaborators“). Ari Falk arbeitet als CIA-Agent in Riga; gegen aussen leitet er ein kleines Medienbüro. Im August 2021 erwartet er auf dem Flughafen den „vom Kreml meistgehassten Blogger“, mit dem er zusammenarbeitet. Doch der ist nicht mehr im Flugzeug aus Istanbul, das unter dem Vorwand einer Bombendrohung im belarussischen Minsk zu einer Zwischenlandung gezwungen worden ist. Nur die Russen nahmen die Drohung einer unbekannten kurdischen Separatistengruppe „für bare Münze, was für sich genommen ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl war und im Prinzip einem Schuldeingeständnis gleichkam. So wurde das Spiel heutzutage gespielt: Jede Seite log so schamlos wie möglich, um den anderen zu demonstrieren, dass sie damit durchkamen.“

Wenig später wird Falks Büro überfallen. Seine Mitarbeiterin und sein Mitarbeiter werden erschossen. Er entkommt knapp. Er flieht nach Berlin, wird dann nach London beordert. Dort entzieht er sich der Bewachung durch britische Kollegen, um die Hintermänner des brutalen Überfalls zu suchen. Die Recherchen führen ihn zunächst nach Tanger. Dort begegnet er Maya Chou, die auf der Suche nach ihrem verschwundenen Vater ist. Der amerikanisch-russische Milliardär ist von einem Schiff vor Portugal verschwunden. Offenbar Suizid: Seiner Familie hat er eine Abschiedsnachricht hinterlassen. Und leere Bankkonten.

Auf dem Flug aus Istanbul ist in Minsk auch ein älteres Paar verschwunden, das auf keiner Passagierliste steht, hat Ari herausgefunden. Auf Aufnahmen vom Flughafen Istanbul sind sie zu sehen. Der Mann ist der – angeblich tote – Vater von Maya. Gemeinsam machen sich Ari und Maya auf die Suche nach ihm und den verschwundenen Milliarden. Da geht die abenteuerliche Geschichte um Lug und Trug und Doppelagenten hüben wie drüben erst richtig los.

„Das Riga-Komplott“ ist ein brillanter Thriller. Es geht um Macht und um Geld, um geheime Geldflüsse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, um geheimdienstliche Machenschaften aus der Zeit vom Beginn des Kalten Krieges bis heute. Aber auch um Liebe, sowohl neue wie über lange Zeit dauernde. Und das alles ist bei aller Komplexität höchst unterhaltsam erzählt und gewürzt mit allerlei Seitenhieben und witzigen Sprachbildern. Etwa wenn sich heutige russische Agenten immer noch mit „Genosse“ ansprechen, wenn es darum geht, dass die Russen zwar durchaus „böse und grausam“ sind, aber „ihre sagenhafte Engstirnigkeit“ viel entscheidender sei, oder wenn der protzige Privatkundenbereich der russischen Bank in Riga aussieht, als ob ein Swarowski-Laster in ein Roche-Bobois-Lager gekracht wäre. Und als Falk unter falschem Namen nach Moskau reist, liest sich seine Sorge so: „Jede genaue Überprüfung würde damit enden, dass eine Falk-förmige Leere zurückbliebe, die grösser war als jede zwölfstöckige Schachtelpuppe.“

In den USA ist inzwischen eine Fortsetzung von „Das Riga-Komplott“ erschienene, Originaltitel: „The Cormorant Hunt“. Cormorant (deutsch: Kormoran) ist der Deckname eines Hintermannes von Vorgängen im ersten Ari-Falk-Roman.

Wertung: 4,6 / 5

Michael Idov: Das Riga-Komplott
(Original: The Collaborators. Scribner, New York 2024)
Aus dem Englischen von Stefan Lux
Suhrkamp, Berlin 2026. 329 Seiten, 17 Euro/ca. 26 Franken

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Bild: michael-idov.com

Michael Idov,

geboren 1976 als Michael Mark Zilberman in Riga, Lettland (damals als Lettische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion), flüchtete mit seinen jüdischen Eltern – Mark Zilberman und Yelena Zilberman, geborene Idov – 1992 in die USA. Die Familie wurde 1998 in den USA eingebürgert. An der University of Michigan in Ann Arbor studierte er Dramatic Writing und Film and Video. Nach dem Abschluss mit dem BFA zog er nach New York, wo er zunächst vor allem als Journalist tätig war. Für seine Arbeiten für das „New York Magazine“ wurde er mit drei National Magazine Awards ausgezeichnet.

Sein erster Roman „Ground Up“ wurde 2009 in seiner eigenen Übersetzung ins Russische in Russland überraschend zu einem Bestseller. 2012 zog er nach Moskau und wurde Chefredaktor der russischen Ausgabe des Magazins „GQ“. Kurz nach der Annexion ukrainischer Gebiete auf der Halbinsel Krim durch Russland gab er den Job auf und verliess Russland schon 2014 wieder. Die Erfahrungen in Russland verarbeitete er im autobiografischen Buch „Dressed Up for a Riot“ (2018).

Dass ein Autor in zwei Sprachen schreibt, ist eher ungewöhnlich. Laut Wikipedia ist Idov der erste englischsprachige Autor seit Vladimir Nabokov, der einen Roman in einer eigenen Übertragung ins Russische veröffentlichte („Lolita“, 1955/1967). Dies hat auch akademisches Interesse geweckt, und der Forscher Adrian Wanner hat 2014 im Magazin „The Russian Review“ insbesondere Idovs „Weigerung, offen die ‚russische Karte‘, die ‚jüdische Karte‘ oder die ‚Einwandererkarte‘ auszuspielen“ hervorgehoben. (Nur nebenbei: Adrian Wanner, 1960 geboren und aufgewachsen in der Schweiz, ist Professor für slawische Sprachen, vergleichende Literaturwissenschaft und russische Literatur an der Pennsylvania State University.)

Nach dem Beginn des Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine hat Michael Idov aufgehört, auf Russisch zu schreiben: So lange Putin an der Macht sei, schreibe er nicht mehr in dessen Sprache, teilte er am 28. Februar 2022 mit. Seine Erklärung im Wortlaut:

There are maybe two or three screenwriters in Hollywood who can switch between English and Russian at will, and I am one of them. This is not a self-aggrandizing statement – no evidence suggests I’m a genius in either. Still, I have been writing for a living for 30 years, since the age of 15, when a daily newspaper rather bewilderingly printed a sci-fi short story of mine. And these are the hardest words I have ever had to write in all these years, because they feel like lopping off half of my brain in public:
As long as Vladimir Putin remains in power, I will not write in Russian anymore.

Seit 2015 schreibt Idov als Autor für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen, darunter „Londongrad“, „Deutschland 83“, „Leto“ und „The Humorist“, bei dem er 2019 sein Debüt als Regisseur gab. Daneben schreibt er weiterhin Romane. Im Januar 2026 ist in den USA die Fortsetzung des jetzt auf Deutsch erschienen Thrillers „Das Riga-Komplott“ (Original: „The Collaborators“, 2024) herausgekommen: „The Cormorant Hunt“.

Michael Idov lebt mit seiner Frau Lily, die auch seine Partnerin beim Drehbuchschreiben ist, in Los Angeles, Berlin und Portugal.


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Die Meisterdiebin