Caruso im philippinischen „Drogenkrieg“

Der erste Satz
Ich stand auf der untersten Ebene des Surftowers und blickte nach Osten aufs Meer.

Krimi der Woche ∙ N° 15/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger

Privatdetektive nach dem Vorbild der grossen Klassiker des Genres wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler, aber zugeschnitten auf neue Epochen, waren eine Zeitlang ziemlich angesagt. Im Lauf der Zeit verlor das Muster trotz immer wieder neuen Variationen seine Faszination ein bisschen. Doch es gibt immer wieder Beispiele, die zeigen, dass diese Ermittler, die ausserhalb der offiziellen Behörden und oft auch eher gegen diese arbeiten, als literarische Figuren durchaus noch taugen.

So etwa ein deutscher Surfer, der wegen seinen Karaokekünsten auf der philippinischen Insel, auf der er sich niedergelassen hat, Caruso genannt wird, und sich als privater Ermittler seine eher prekäre Existenz zu finanzieren versucht. Erfunden hat ihn der deutsche Journalist und Schriftsteller Daniel Faßbender, der selbst ein passionierter Surfer ist. Sein erster Kriminalroman „Heaven’s Gate“ hat nichts mit dem gleichnamigen Spätwestern (1980) von Michael Cimino zu tun. Das „Himmelstor“ ist hier „der ganze Stolz der philippinischen Surferszene und eine der besten Wellen der Welt“.

Echte Surfer sind freiheitsliebende, unkonventionelle Typen – eigensinnig und hartnäckig. Und eignen sich deshalb so gut als literarische Privatdetektivfiguren. Sehr schön damit gespielt haben insbesondere auch schon Grössen wie Don Winslow in seinen kalifornischen Boone-Daniels-Romanen und Mike Nicol in seiner südafrikanischen Fish-Pescado-Reihe. Faßbender muss sich also an Schwergewichten messen lassen, nicht nur internationalen – als Inspiration für seinen Wechsel ins Krimifach nennt er Jörg Fauser (1944–1987).

Um in einem Atemzug mit Fauser genannt zu werden, fehlt Faßbender noch ein bisschen was, vor allem in Stil, Standpunkt und sprachlichem Duktus. Dennoch ist „Heaven’s Gate“ ein lohnendes Lesevergnügen. Faßbender spielt geschickt mit klassischen Topoi des Genres. So mit dem Auftritt der Femme fatale, die mit dickem Geldbündel und Sex-Appeal den abgehalfterten Detektiv, der sich bisher vor allem mit geklauten Mopeds befasste, für die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn begeistert. Caruso gerät damit in eine wüste Drogengeschichte. Und stösst auf den Vater des Gesuchten, der eben in Deutschland nach einer langjährigen Gefängnisstrafe wieder Tritt zu fassen versucht. Das ist locker erzählt, mit Tempo, Action und Witz, aber nicht ohne kritische Blicke auf die korrupten Zustände im südostasiatischen Staat mit seinen Tausenden von Inseln zur Zeit von Präsident Rodrigo Duterte, der zur Ermordung von Drogenhändlern und Lynchmorden an Süchtigen aufrief.

Nach einem – natürlich blutigen – Showdown wird der Surfer aus Deutschland weiterziehen, anderswo nach himmlischen Wellen suchen. Wo er fündig wird, werden wir im nächsten Caruso-Roman erfahren, der 2027 erscheinen soll.

Wertung: 3,8 / 5

Daniel Faßbender: Heaven’s Gate
Diogenes, Zürich 2026. 291 Seiten, 19 Euro/ca. 26 Franken

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Bild: Alexander Conrads / ©Diogenes

Daniel Faßbender,

Geburtsjahr nicht öffentlich bekannt, hat Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte studiert. Als Seemann soll er die Welt umrundet haben, und eigentlich wäre er gerne Profisurfer geworden. Nach einem Volontariat auf einer Zeitungsredaktion surft er hobbymässig auf Wellen und professionell durch die Nachrichtenflut.

2018 erschien sein erster Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“. „Heaven’s Gate“ ist jetzt sein erster Kriminalroman. Die Fortsetzung soll 2027 folgen.

Aktuell arbeitet er als Chef vom Dienst für die Fernsehnachrichten einer Mediengruppe. Mit seiner Familie lebt er in Köln.


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