Elternmorde im Roman im Roman
Der erste Satz
Louis hat im Bett der Kinder geschlafen, einem Stockbett, auf dem unteren Schlafplatz, inmitten von Plüschmonstern, ein Feuerwehrauto in die Nieren gedrückt.
Krimi der Woche ∙ N° 01/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Der französische Noir-Autor Pascal Garnier ist 2010 erst 61-jährig gestorben. Auf Deutsch sind seine seit 1996 bis zu seinem Tod erschienenen Kriminalromane dank der schönen Edition des Wiener Septime Verlags erst seit 2023 zu entdecken. Als fünfter Titel ist „Die Eskimo-Lösung“ erschienen, Garniers erster Krimi.
Es ist trotz kleinem Format, wie gewohnt, ein schmales Bändchen: Knappe 140 genügten dem Meister im Verdichten hier, um gleich zwei Romane in einem zu erzählen. Zum einen die Geschichte eines Autors, der sich aus der Stadt in ein Haus am Meer verzogen hat, um den Roman zu schreiben, auf den sein Verlag dringend wartet. Zum anderen ist in diese Geschichte der Roman integriert, den der Autor am Schreiben ist. Dieser handelt von einem Mann, der ständig abgebrannt ist und der seine Mutter umbringt, um an ihr Erbe zu kommen. Da das so gut funktioniert hat, beginnt er, auch die Eltern von Bekannten, von denen er denkt, sie könnten Geld brauchen, umzubringen.
Das Fehlen moralischer Skrupel bei seinem Romanhelden scheint den Autor zunehmend bei seinem eigenen Verhalten zu beeinflussen. Und dabei geht es nicht nur um Harmlosigkeiten, wie dass er gegenüber der drängenden Lektorin so tut, als wäre der Roman auf gutem Weg, aber statt am Schreibtisch zu sitzen lieber am Strand spazieren geht: „Ich gehe liebend gern über die Muscheln am Strand und stelle mir dabei vor, sie wären Brillen von Verlegern.“
Wie die auf Deutsch bereits erschienenen späteren Romane ist „Die Eskimo-Lösung“ letztlich eine tief düstere Geschichte. Doch es gibt etwas mehr Humor, und die Protagonisten haben noch etwas mehr Leben in sich als manche der späteren Figuren, die in existenzieller Langeweile und Sinnleere gefangen sind.
Der Titel – mit dem heute verpönten Begriff für Inuit – bezieht sich übrigens auf den angeblichen Brauch der „Eskimos“, ihre Alten, für die die Zeit zu gehen gekommen ist, auf eine Eisscholle zu setzten und diese ins Meer hinaus treiben zu lassen. Diese „Lösung“ dient dem Helden des Romans im Roman als Apologie für seine Morde.
Wertung: 4,3 / 5
Pascal Garnier: Die Eskimo-Lösung
(Original: La Solution esquimau. Fleuve noir, Paris 1996)
Aus dem Französischen von Felix Mayer
Septime Verlag, Wien 2025. 139 Seiten, 20 Euro/ca. 30 Franken
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Bild: Editions Zulma
Pascal Garnier,
geboren 1949 in Paris, gestorben 2010 in Valence, hat mit 15 Jahren die Schule und seine Familie verlassen. Er hat sich dann einige Jahre in der Welt herumgetrieben, vor allem in Nordafrika, im Nahen Osten und in Asien.
Mit 25 kehrte nach Frankreich zurück, wo er sich zunächst mit kleinen Gelegenheitsjobs beschäftigte, bevor er sich mit 35 der Schriftstellerei zuwandte. Ab 1996 bis zu seinem Tod veröffentlichte er rund fünfzehn Kriminalromane, daneben eine grosse Zahl von Jugendbüchern. Er wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Auf Deutsch erscheinen seine Kriminalromane seit 2023 in einer schön gestalteten Edition im Wiener Septime Verlag. Nach „Der Beifahrer“, „An der A 26“, „Zu nah am Abgrund“ und „Die Insel“ ist „Die Eskimo-Lösung“ der fünfte Titel; im März 2026 wird bereits der nächste erscheinen, „Mond gefangen in einem toten Auge“
Längere Zeit lebte er in Lyon, dann in einem kleinen Dorf in der Ardèche im Südosten Frankreichs. Wenn er nicht schrieb oder reiste, malte er. Er starb mit 60 Jahren in einem Spital in Valence an Bauchspeicheldrüsenkrebs.